Vom Urmenschen betört – eine Rezension von Jane Reloaded

Jane_Reloaded5Diese Rezension ist zuvor schon bei web.de und gmx erschienen.

Was würde passieren, wenn wir es wagten einen Urmenschen zu klonen? Dieser Frage geht Charlotte Kerner in ihrem Jugendroman „Jane Reloaded“ nach.

Vor Weihnachen hatte ich ja ein paar aktuelle Evolutionsbücher für Kinder und Jugendliche besprochen. Eine weitere Rezension möchte ich hiermit noch nachliefern. Denn erstmals als Taschenbuch erhältlich ist seit letztem Jahr auch „Jane Reloaded“, eine Science Fiction-Geschichte für Jugendliche.

Ich muss vorausschicken, dass ich SF mag. Wenn sie gut ist, dreht sie sich mehr als jede andere Unterhaltungsliteratur um zentrale Fragen menschlicher Existenz. Was ist menschlich? Wie können und wie wollen wir leben? In anspruchsvoller SF zwingen technische Neuerungen die Protagonisten oft dazu, ein paar uralte Fragen der Menschheit (mal wieder) neu zu beantworten.

„Jane Reloaded“ passt gut in dieses Schema, denn in der Zukunft von Jane, einer jungen Wissenschaftlerin, werden ausgestorbene Arten mit den Hilfsmitteln moderner Biologie wieder zum Leben erweckt, wie etwa Mammuts. Darüber, ob das eine gute Idee ist, gibt es in ihrer eigenen Paläontologen-Familie ein tiefes Zerwürfnis. Jane entdeckt, dass hinter diesem Familien-Streit mehr steckt als sie ahnte. Denn ihr Vater arbeitet seit der Scheidung der Eltern an einem Geheim-Projekt zum Klonen von Homo erectus-Menschen im abgelegenen asiatischen Dschungel.

Wieder zum Leben erweckte Urmenschen – das klingt wie ein durchaus vielversprechendes Science-Fiction-Szenario. Trotzdem war ich, ehrlich gesagt, etwas skeptisch. Vor allem beim Blick auf das Cover. Aus Urwald-Gestrüpp blicken einen zwei Menschen an, eine junge weiße Frau und ein dunkler Urmenschen-Mann. Ein Bild, bei dem ich mich gleich fragte: Ist „Jane Reloaded“ doch eher eine exotische Liebesgeschichte im Science Fiction-Gewand?

Die Antwort ist: Die Geschichte ist beides. Ja, es geht um erotische Anziehung über menschliche Artgrenzen hinweg. Und ja, diese Vorstellung soll ein bisschen prickeln – in den Grenzen eines Jugendromans natürlich. Aber sie wirft auch andere Fragen auf. Wie würden wir geklonte Urmenschen behandeln? Wie Menschen? Wie Affen? Oder wie etwas dazwischen? Und wie würden sich die Homo erectus-Menschen verhalten? Wie fremd oder ähnlich wären sie uns? Könnten sie sprechen? Und wenn ja, wie gut? Könnten Sie unter uns leben ohne aufzufallen?

Die Autorin strickt mögliche Antworten auf all diese Fragen zu einer spannenden Geschichte, in der sie erstaunlich viele Fakten zur Wissenschaftsgeschichte unterbringt. Zu Darwin und den Galapagos-Inseln. Zu den Entdeckungen in der afrikanischen Olduvai-Schlucht. Zur Sequenzierung des Neanderthal-Genoms. Aber auch Politisches wie den Kampf um die Erhaltung der Grube Messel oder das Great Ape Project, deren Aktivisten Primaten-Rechte für Menschenaffen fordern.

Ich fand diese Teile interessant zu lesen. Dass das kunstvoll eingeflochtene Wissen den Roman stellenweise eher zum erzählenden Sachbuch werden lässt, störte mich nicht. Ich mag diese Art von Büchern ja. Auch dass es ein eher kurzes Buch ist, fand ich ok. Es passte zeitlich sogar genau in eine Zugfahrt von Nürnberg nach Berlin, die dadurch ausgesprochen schnell und angenehm verging.

Wenn ich unbedingt mäkeln wollte, dann würde ich das am ehesten über den Schluss tun. Nicht weil ich das Ende der Handlung unbefriedigend fände. Aber die Moral schon. Kerner versucht zwar mit einer originellen Mischung aus Skepsis und Hoffnung zu schließen. Für mich ist ihr Ausblick in zukünftige Jahrhunderte aber doch eine Spur zu – wie soll ich sagen – märchenhaft. Statt luftige Visionen einer besseren Zukunft hätte ich mir den Schluss kleiner, alltäglicher und humorvoller gewünscht. Aber das ist natürlich Geschmacksache.

Fazit: Ein kurzer, spannender „Was wäre, wenn“-Roman für Jugendliche ab 13 Jahre. Vor allem für Wissenschaftsinteressierte, die auch gerne Sachbücher lesen. Eine gedankenanregende und anrührende Geschichte mit einem Happy End für die ganze Menschheit.

Charlotte Kerner
Jane Reloaded
Beltz & Gelberg, 2011
seit 2013 auch als Taschenbuch
für 7,95 Euro
bei Amazon reinlesen*


Jedes Buch über Evolution ist anders. Es gibt welche für kleine und große Kinder. Es gibt Geschichten und Sachbücher. Es gibt Bilderbücher und Romane. Hier geht’s zu meiner immer länger werdenden Liste bisher rezensierter Kinder- und Jugendbücher über Evolution.

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6 Gedanken zu „Vom Urmenschen betört – eine Rezension von Jane Reloaded“

  1. Vielen lieben Dank für diese ausführliche Rezension! Ich lese deine Buchtipps immer sehr gern, weil du nochmal in ganz andre Gebiete reinschaust als ich. Dieser Roman hier steht jetzt auf meine Geschenkeliste für meinen großen, extrem naturwissenschaftlich interessierten Sohn. Ostern vielleicht.
    Liebe Grüße!
    Regina
    (die leider nie miträtseln kann, weil sie nicht annähernd so viel Ahnung von Bio hat wie du!)

  2. Danke, freut mich sehr, dass die Rezensionen dir gefallen. Find es auch immer spannend, wenn Leute aus den verschiedensten Disziplinen oder Blickwinkeln ganz unterschiedliche Aspekte einer Sache sehen.

    Und was die Rätsel angeht: Ich versuche einen Mix zu machen. Mal kniffligere Rätsel, für die man Vorwissen braucht und mal leichtere Rätsel, die sich durch ein bisschen Webrecherche lösen lassen sollten. Einfach mal probieren nächstes Mal! Würd‘ mich freuen, wenn du mitmachst. (Auch wenn’s dir dabei so geht, wie mir bei deinen Nähprojekte. Nähen ist für mich nämlich so was, was ich schön fände, wo ich aber die Anfangshürde als wahnsinnig hoch empfinde… was wahrscheinlich auch nicht stimmt.)

    Apropos mitmachen: Bist du bei der nächsten „Blogger schenken Lesefreude“-Aktion dabei? Ich will eigentlich, hab mich aber immer noch nicht angemeldet… tsts…

    1. Liebe Brynja,
      ich wollte eigentlich gern mitmachen, aber ich glaube, die Anmeldezeit ist schon vorbei. Naja, dann eben nächstes Jahr. Und zum Nähen: Ja, stimmt, einfach loslegen, dann verschwindet die Scheu von alleine.
      LG Regina

    2. Liebe Regina, dass die Anmeldezeit schon vorbei sein könnte, hat mich jetzt endlich mal aktiviert mich drum zu kümmern. Und ich kann Entwarnung geben: Geht noch! Hab mich grad angemeldet.

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