Was dem Humanwissenschaftler der Biologe ist, das ist dem Biologen der Physiker

Ich kann die Geistes- und Sozialwissenschaftler verstehen, denen die Haare zu Berge stehen, wenn Bio-Forscher so tun, als könnten sie kulturelle Phänomene künftig allein mit Hilfe von Hirnscannern oder Gentests erklären. Platt und irreführend wirkt das aus ihrer Sicht. Lächerlich gar. Ich denke manchmal: Vielleicht wäre es ein Trost, dass die Biologen gelegentlich ähnliche Anmaßung von Kollegen aus den anderen Naturwissenschaften erdulden müssen?

Die Arroganz und Ahnungslosigkeit, die Bio-Forschern gerne vorgeworfen wird, wenn sie in klassisch geistes- oder sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldern wildern, erinnert mich jedenfalls stark daran, wie Physiker und Chemiker manchmal rüberkommen, wenn sie sich biologischen Fragestellungen widmen. Auch von ihnen provozieren manche gern durch Herabsetzung der Biologie, ohne das selbst so recht zu merken.

Als besonders anmaßend habe ich im Studium mal einen Dozenten empfunden, der uns in einem Seminar erzählen wollte, dass die Molekularbiologie ohne die damals in Fach eingewanderten Chemiker und Physiker ja quasi nicht hätte entstehen können. Erst diese hätten den „bisher ja lediglich deskriptiv arbeitenden“ Biologen zeigen können, wie die „exakten“ Wissenschaften an so was rangehen. Unverschämt! Ich bin immer noch beleidigt, wenn ich dran denke – sozusagen stellvertretend für all die großartigen Biologen, die die Anfänge der Molekularbiologie AUCH prägten (neben ebenso großartigen Physiker und Chemikern natürlich).

So ähnlich müssen sich Geistes- und Sozialwissenschaftler fühlen, wenn ihnen heute dahergelaufene Hirnforscher so was erzählen wie: „Ihr habt Glück. Die Rettung naht. Wir übernehmen von hier. Danke, ich weiß, ihr habt ja tapfer die letzten 200 Jahren über diese Fragen spekuliert. Aber jetzt könnt ihr sie beruhigt uns und unseren Geräten anvertrauen. Wir klären das mal empirisch!“ Ätzend! Vor allem, wenn dieses großkotzige Angebot von Leuten kommen, die die Geschichte und Komplexität der bereits etablierten Forschung noch nicht mal versuchen zu verstehen, sondern sie unbesehen durch ihre über-vereinfachten Modelle ersetzen wollen.

Ganz interessant fand ich in ähnlichem Zusammenhang auch die Diskussion in Ludwig Trepls Blog bei den Scilogs darüber, warum Naturwissenschaftler immer denken von allen ’ne Ahnung zu haben. Interessant vor allem, weil da ein Geisteswissenschaftler argumentiert, der aus der Naturwissenschaft kommt.

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