#symp2013 (5) – Walter über die 3. Welle der Biologischen Psychiatrie

TdS Symposium PR Blatt 01-2013 72 DpI RGBDer Psychiater und Hirnforscher Henrik Walter sprach beim diesjährigen Symposium der Sinne über das, was er die dritte Welle der Biologischen Psychiatrie nennt. Sein Vortrag war Anregung auf hohem Niveau – auch wenn er mit jeder Folie so viele neue Informationen lieferte, dass ich am Ende dachte: „Wahnsinnig interessant, aber das muss ich alles noch mal genauer nachlesen!“

Gut also, dass dieses Nachlesen auch möglich ist. Zum einen hat Walter für die Turm der Sinne-Seite seine Folien als PDF zur Verfügung gestellt. Zum anderen finden sich  die meisten im Vortrag erwähnten Informationen und Argumente in dem lesenswerten, englischsprachigen Artikel von ihm in „Frontiers in Psychology“: Walter H (2013) The third wave of biological psychiatry.

Über einen interessanten Aspekt in Vortrag und Veröffentlichung habe ich einen Artikel für Laborjournal Online geschrieben, der heute erschienen ist: Biomarker für Gehirne auf Abwegen. Im Teaser dazu heißt es: „Die 5. Neuauflage der „Bibel“ der Psychiatrie (DSM-5) sieht noch immer keine Biomarker zur Diagnose von psychischen Erkrankungen vor. Forscher aus der Biologischen Psychiatrie  verabschieden sich daher vom DSM als Goldstandard und arbeiten an einer neuen Systematik.“

Das Problem ist nämlich: Bestimmte Risiko-Gene und charakterische Muster in Hirnscans finden sich immer nur in Teilgruppen von Patienten und dann oft auch nicht exklusiv, sondern auch bei anderen Störungen. Therapeuten finden solche Biomarker daher bisher notorisch unzuverlässig. Forscher aus der Biologischen Psychiatrie ziehen aus der scheinbaren „Unzuverlässigkeit“ ihrer Ergebnisse inzwischen aber ihre eigenen Schlüsse. Sie wollen mit RDoc eine neue Systematik psychologischer Kategorien etablieren, die helfen soll, Pathologien auf Störungen im Hirn zurückführen zu können. Mehr dazu in meinem Artikel bei Laborjournal Online.

Auch auf andere Entwicklungen in der Biologischen Psychiatrie ging Walter ein. So wird das Gehirn immer seltener isoliert betrachtet. Der neue Ansatz der Kognitionswissenschaften sei stattdessen von den 4 Es geprägt, erklärte er. Die heutige Sicht  integriere jetzt, dass mentale Prozesse

  • immer in einem Körper stattfinden (embodied)
  • in einer Situation eingebettet sind (embedded)
  • nur in Zusammenspiel mit der Umwelt verstanden werden können (extended)
  • nicht nur innere Prozesse sind, sondern sich als Handlungen zeigen (enacted)

Um pathologische Prozesse besser einordnen zu können, muss oft aber erstmal verstanden werden, was eigentlich im gesunden Hirn passiert. „Schmerzlich vermisst“ sei dabei laut Walter vor allem eine einheitliche Hirn-Theorie, die Prinzipien der Hirnfunktion formuliert, die mathematisch quantifizierbar und empirisch überprüfbar sind.

Vielleicht könne das „Free Energy Principle“ von Friston (Abstract) diese Lücke füllen und ein durchgehendes Organisationprinzip auf jedem Level des hierarchisch gegliederten Gehirns liefern. Freie Energie ist laut dieser Theorie das, was entsteht, wenn die Annahmen des Hirns nicht mit den gemachten Wahrnehmungen zusammenpassen. Das ist natürlich ein unerwünschter Zustand und das Hirn versuche stets diese Freie Energie möglichst klein zu halten, sprich: Vorhersagen zu machen, die auch eintreten.

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