Endlich! Ein Feminismus für die Hausfrau (und die Biologin)

Ich bin damit aufgewachsen den Feminismus als wichtige zivilisatorische Errungenschaft anzusehen, auf Augenhöhe mit Demokratie, Meinungsfreiheit und Gewaltenteilung. Trotzdem kann ich mich kaum noch mit dem identifizieren, was heute so unter Feminismus läuft. Als (fast) Hausfrau kann ich mit seinen Zielen nichts anfangen und als Biologin mit seinen Grundannahmen genauso wenig.

Aber gestern schöpfte ich Hoffnung, dass es doch wieder einen Feminismus geben könnte, wie ich ihn mir vorstelle. Und diese Hoffnung ereilte mich ausgerechnet bei der Lektüre von Christians Alles Evolution-Blog, wo in Sachen Feminismuskritik jeden Tag die Fetzen fliegen.

Ich bewundere ja die Seelenruhe des Blogbetreibers angesichts von Kommentarzeilen voller Empörung und Beleidigung, Sarkasmus und Verbitterung. Die gesammelten Emotionen des Kampfs der Geschlechter brechen da durch. Es wird dort sehr eloquent und wortreich gelästert, gebasht und gedisst, dass mir die Ohren schlackern.

Wie Christian das aushält ist mir schleierhaft, denn er selbst scheint mir ganz und gar gemäßigt. In meinen Augen hält er tapfer die Fahne von Aufklärung, Humanismus und Toleranz hoch hält. So glaubt er an einen partnerschaftlichen, gleichberechtigten Umgang zwischen den Geschlechtern jenseits der Grabenkämpfe zwischen Feministen und Maskulisten. Trotz der auf Kravall gebürsteten Kommentatoren lese ich daher gerne, was er so an Kritik zusammenträgt. Redliche, sachliche Kritik, die auf genau das zielt, was mir am Feminismus auch auf den Senkel geht.

Er wird nicht müde, Erkenntnisse aus Evolutionsbiologie, Psychologie, Ethnologie usw. zu zitieren, um zu belegen und zu diskutieren, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt und wie sehr es allen schadet, dass der heutige Feminismus das leugnet. –  Er spricht mir da sehr aus dem Herzen.

Der heutige Feminismus tut Geschlechtsunterschiede als rein soziale Konstrukte ab, die von den Frauen gefälligst als altmodischer Ballast erkannt werden müssen, um die Gesellschaft zum Besseren zu wenden. Üble Nebenwirkung aus meiner Sicht: Wer als Feministin in sich selbst geschlechtsstereotype Wünsche und Bedürfnisse entdeckt, ist überzeugt davon dagegen ankämpfen zu müssen, weil das ja „nur“ die Reste patriarchalen Giftes sein können, das durch Erziehung in einen eingesickert ist.

Ich hab Jahre gebraucht um zu erkennen, dass das vom Feminismus gepredigte Misstrauen gegenüber meinen eigenen Gefühlen und Impulsen mir mehr schadet als jedes angeblich so schädliche Klischee von Weiblichkeit.

So sehe ich mich immer noch als Feministin, aber inzwischen irgendwie als heimatlose Feministin, verraten von einer fehlgeleiteten, sektenähnlicher Bewegung, die Frauen Freiheit verspricht, sie aber stattdessen von ihren Bauchgefühlen entfremden will. Um feministische Schriften und Studien aus der Genderforschung mache ich daher seit Jahren einen großen Bogen.

Deswegen ist es zwar ein Genuss für mich, wenn Christian die Dogmatik, die Wissenschafts- und Männerfeindlichkeit des vorherrschenden feministischen Weltbildes aufzeigt, wenn Schriften von Genderforscherinnen und – politikerinnen analysiert und kritistiert werden. Aber noch lieber wäre mir, es gäbe eine bessere Alternative als diesen verbohrten Feminismus von heute. Und vielleicht gibt es ihn tatsächlich.

Denn gestern las ich bei „Alles Evolution“ die ersten feministischen Aussagen seit gefühlten Jahrzehnten, die mich tatsächlich mal wieder angesprochen haben. Wer hätte das gedacht! Und zwar stellt Christian eine Übersetzung eines Textes von Christina Hoff Sommers vor, in dem sie über ihr neues Buch „Freedom Feminism“ schreibt – von Christian vorsichtig positiv bewertet, von mir hiermit offiziell begeistert aufgenommen.

Sommers will in ihrem Buch die in Vergessenheit geratenen konservativen Wurzeln des Feminismus reintegrieren – den Mutterschafts-Feminismus, deren Vorstreiterinnen im 19. Jh Seite an Seite mit den Suffragetten für das Wahlrecht der Frauen kämpfen. Sie will jene vergessenen, frühen Feministinnen rehabilitieren, die als Hausfrauen und Mütter für gleiche Frauenrechte stritten. Laut Sommers habe es der Bewegung geschadet, dass sich irgendwann allein die Suffragetten-Sicht der Dinge durchgesetzt hat, für die der Erfolg des Feminismus sich daran misst, wie sehr die Geschlechter sich in allem angleichen.

Sommers plädiert für eine Rückkehr zum politisch erweiterten Feminismus, der die Ziele Gleichberechtigung und Chancengleichheit beibehält, aber die abstruse Erwartung über Bord wirft, wahre Gleichberechtigung würde sich dadurch zeigt, dass dann alle Frauen und Männer exakt das Gleiche WOLLEN.

Freiheits-Feminismus kombiniert Aspekte sowohl der egalitären als auch der mutterschaftlich orientierten Tradition. Mit dem Egalitarismus teilt er die Abneigung gegen vorgeschriebene Geschlechterrollen: Frauen sollen frei sein, sich von Stereotypen der Weiblichkeit zu lösen, wenn dies ihre Wahl ist. Gleichzeitig respektiert er die Wahlmöglichkeiten freier und selbstbestimmter Frauen, wenn diese sich für konventionelle weibliche Rollen entscheiden. Freiheits-Feminismus steht für gleiche Chancen, aber beharrt nicht auf gleiche Ergebnisse.

Wo muss ich unterschreiben für diesen Freiheits-Feminismus? Nein, ernsthaft, wenn ich so was höre, wird mir richtig warm um Herz. Es wäre so viel angenehmer in einer Welt zu leben, wo Frauen über verschiedene Lebensmodelle hinweg zusammenhalten würden. Denn was bin ich diese ständigen General-Abwertungen leid!

Du hast einigermaßen deine Ruhe, glaube ich, wenn dein Mann Vollzeit arbeitest und du als Frau morgens deinen Bürojob machst, während deine Kinder in Schule oder Kita sind. Aber wehe, du weichst von diesem neuen deutschen Ideal ab, bist also Hausfrau oder arbeitest Vollzeit, dann geht’s schon los mit den Vorurteilen.

Der Hausfrau wird ja gern alles mögliche unterstellt. Man fragt sich: Warum arbeitet sie denn nicht wieder? Hat sie keine Ausbildung? Oder psychische Probleme? Ist sie so ein Luxusweibchen ohne eigenen Ehrgeiz mit ihrem gut verdienenden Mann? Oder ist sie vielleicht so dumpf im Kopf, dass sie wiiirklich mit Haaaausarbeit zufrieden ist? Ist sie ein perfektionistischer Putzteufel? Oder was ist los? Ist sie so eine Übermutter, die alles selbst machen muss und ihre Kinder nicht loslassen kann?

Jaaa, das Hausfrauenmodell ist heute sehr erklärungsbedürftig. Dass man es wählt, weil man sich damit gerade wohl fühlt, darauf kommt niemand. Und wenn, dann ist man doch bitte trotzdem so schlau, sich gegen den Wohlfühlweg zu entscheiden. Nach dem Motto: Jetzt biste glücklich, Mädchen, aber später bereust du’s. Wenn du finanziell von ihm abhängig bist und er mit ner Jüngeren durchbrennt! Oder wenn dir im Alter die eigenen Rente fehlt!

Wer mehr als halbtags arbeitet, ist aber auch nicht besser dran, was die Bewertung durch Andere angeht. Warum tut sie ihren Kindern das an? So wichtig darf einer Mutter die Karriere doch nicht sein! Die Armen sind niiee zu Hause. Warum arbeitet sie nur so viel? Ist sie ein egoistisches Luxusweibchen? Oder was soll dieser übertriebene Ehrgeiz? Ist doch nicht so, dass sie alleinerziehend wäre! Warum kriegt sie überhaupt Kinder, wenn sie sie dann weg gibt?

Als eine Freundin nach 6 Jahren Familienpause wieder anfing zu arbeiten, erntete sie von anderen Müttern nur hoch gezogene Augenbrauen: „In Leitungsposition? Voooollzeit? Ja – und die Kinder? … Dass du das schaffst…*skeptischer Blick* Also, iiich könnte das nie! *falsch lächelnd* Sie hätten auch „Rabenmutter“ zischeln können. Bei der Arbeit dagegen traut sie sich kaum noch zu erzählen, dass sie Familie hat. Allerdings aus anderen Gründen. Denn sie fürchtet, die kinderlosen Singles verdrehen sonst wieder angewidert die Augen „Igiiitt, Kinder! Nur Ärger! Was bin ich froh…“

Und damit sind wir schon beim nächsten Thema. Denn den kinderlosen Frauen wird natürlich auch ordentlich eingeschenkt in Deutschland. Ab 40 lächelt man sie gerne mitleidig an, weil ja nun endgültig klar ist, dass ihr Fruchtbarkeitszug langsam abgefahren ist. Sie können als lebenslustige Frauen von Welt den schönsten Freundeskreis und die erfüllendsten Hobbys haben, plötzlich unterstellen die Leute ihnen, doch tief drinnen etwas zu vermissen. Da können sie noch so beteuern, nie einen Kinderwunsch gehabt zu haben und vollkommen zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Glaubt ihnen eh‘ keiner. Weil das ja nicht sein kann! Eine Frau ohne Kinder? Glücklich?

So sieht es aus unter deutschen Frauen in ihren 30ern und 40ern. Nicht immer, aber erschreckend oft. Da geht es Mütter gegen Kinderlose, Arbeitende gegen Hausfrauen, Teil- gegen Vollzeit. Also, ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich würde lieber in einer toleranteren Welt leben, wo Frauen sich untereinander in ihren Lebensentscheidungen und unterschiedlichen Rollenmodellen wirklich respektieren. So wie Summers sich das vorstellt z.B.

Freiheits-Feminismus steht für die moralische, soziale und rechtliche Gleichheit der Geschlechter – und für die Freiheit der Frauen ihren gleichberechtigten Status dazu zu benutzen um auf ihre eigenen vielfältigen Arten nach Glück zu streben. Freiheits-Feminismus steht nicht mit Weiblichkeit oder Männlichkeit auf Kriegsfuß und betrachtet Männer und Frauen nicht als miteinander verfeindete Stämme. Theorien von universeller patriarchaler Unterdrückung stehen nicht auf seinen Gründungstafeln. 

Weil da gerade das P-Wort fiel: Danke, der Nachfrage, ich stöhne nicht unter dem Joch des Patriarchats, auch wenn ich gerade als Hausfrau lebe. Und ja, ich bin abgekommen von der irrigen Vorstellung Respekt und Partnerschaftlichkeit in einer Beziehung (oder in der Gesellschaft) hätten irgendwas damit zu tun, dass Mann und Frau gleich viele Stunden Erwerbsarbeit leisten und dabei gleich gut verdienen. Genauso wenig kann man Gleichberechtigung daran messen, ob von beiden exakt genau gleich viel Hausarbeit gemacht wir und sich genau gleich viel Zeit um die gemeinsamen Kinder gekümmert wird. So sieht zwar das derzeitige feministische Beziehungsideal aus, aber trotz jahrelanger Indoktrination aus allen Medien weiß ich ehrlich nicht mehr, was das soll.

Modern und gleichberechtigt leben kann man nämlich – man höre und staune – sowohl in Gemeinschaften, in denen jeder sein eigenes Geld verdient, wie in Gemeinschaften, in denen sich die Mitglieder für eine Arbeitsteilung entschieden haben. Respekt und Partnerschaft in einer modernen, gleichberechtigten Beziehung entstehen nicht durch kleinkarierte Aufrechnerei, ob denn jeder wirklich seine anvisierten 50% von allem geleistet hat, sondern nur dadurch, dass man respektvoll und partnerschaftlich miteinander umgeht. Egal, wie man sich die Pflichten untereinander nun genau aufteilt, es entsteht dadurch, dass man Entscheidungen gemeinsam trifft und sich gegenseitig unterstützt in Herzenswünschen und Lebensglück. Und Respekt und Partnerschaft erkennt man darin, dass man sein eigenes und das gemeinsame Leben ausprobiert, diskutiert und gestaltet, ganz individuell das passende Modell für genau einen selbst und diese Gemeinschaft suchend.

Vielleicht geht man bei diesem Ausprobieren anfangs von einer Ideologie aus (irgendwo muss man ja anfangen) und stellt bei diesem Ausprobieren fest, dass sich das, was man theoretisch immer für richtig gehalten hat, gar nicht so gut anfühlt, wie man dachte.

Ich z.B. hab mir früh Kinderbetreuung gesucht um auch mit Kleinkind beruflich dran zu bleiben und Geld zu verdienen, weil ich da noch überzeugt war, das gehöre sich generell so für eine moderne Frau. Nur: warum war ich dann so gestresst? Warum fühlte sich das nicht gut an? Einer Freundin von mir ging es genau andersrum. Sie war überzeugte Verfechterin der These, dass ein unter-dreijähriges Kind nur im Schoße der Familie gut aufgehoben ist. Und haderte dann sehr mit sich, warum sie nur ihre Arbeit so furchtbar vermisste!

Inzwischen kann mir der verbohrte Gleichmacher-Feminismus ebenso gestohlen bleiben wie die konservative Heim-und-Herd-Glorifizierer. Beide Ideologien treffen nicht den Punkt. Aber vielleicht liefert der Freiheits-Feminismus Brauchbareres für das zukünftige Frauenleben. Ich jedenfalls werde ihn im Auge behalten.

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2 Gedanken zu „Endlich! Ein Feminismus für die Hausfrau (und die Biologin)“

  1. „In meinen Augen hält er tapfer die Fahne von Aufklärung, Humanismus und Toleranz hoch hält. So glaubt er an einen partnerschaftlichen, gleichberechtigten Umgang zwischen den Geschlechtern jenseits der Grabenkämpfe zwischen Feministen und Maskulisten“

    Danke für die freundliche Wertung Sie versüßt mir den Tag 🙂

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