Rezension „Ein kluger Fisch“: Als Kinderbuch über Evolution leider nicht zu empfehlen – Tag des Buches 2019

Am heutigen Tag des Buches möchte ich meine Blog-Tradition fortführen und über ein Kinderbuch zum Thema Evolution schreiben, das in meiner Liste bisher rezensierter Evolutionsbüchern für Kinder noch fehlte: „Ein kluger Fisch“ von Chris Wormell.

Ich werde dabei erklären müssen, warum das Buch dem Verständnis von Evolution eher im Wege steht als es zu fördern – auch wenn es als reine Erzählung eigentlich ganz entzückend wäre.

TLDR: Wer seinem Kindergartenkind etwas über Evolution beibringen möchte, kauft lieber „Grandmother Fish“ von Jonathan Tweet statt „Ein kluger Fisch“ von Chris Wormell.

Einfach schöne Erzählung?

Um es vorweg zu sagen: Ich meine keinesfalls, dass alle Bilderbücher der Wissensvermittlung dienen müssen. Sie können natürlich auch einfach gute Geschichten sein. Ich habe mit meinen Jungs (heute 11 und 14 Jahre alt) jeden Tag Bilderbücher gelesen als sie im Kindergarten-Alter waren. Und die meisten dieser Bücher waren einfach lustige oder anrührende oder mutmachende Erzählungen. Und das ist völlig in Ordnung.

Wäre „Ein kluger Fisch“ vor allem eine schön erzählte Geschichte, könnte und würde ich schwärmen. Von den liebevollen Darstellungen der Fisch-Vielfalt. Von dem unscheinbar wirkenden Helden. Von seiner Sehnsucht, Weitsicht und Erfindungsgabe, die ihn zum Pionier werden lässt. Davon, dass das Buch Kindern zeigen will, wie toll es ist, seinen eigenen Ideen zu folgen, Grenzen des Möglichen in Frage zu stellen und die Dinge auf kreative Art neu zu denken.

Vermittlung von Evolutionswissen?

Das Problem ist nur: Die bahnbrechende Idee des unscheinbaren Fischhelden im Buch wird als Ursache der evolutionären Weiterentwicklung von Fischen zu Landlebewesen dargestellt. Und das ist für mich als Biologin ein irreführendes Ärgernis. Denn dieses Buch wird eben nicht gekauft, weil es einfach eine schöne Geschichte ist. Es wird bei Amazon auf der ersten Seite gelistet, wenn man nach „Kinderbuch“ und „Evolution“ sucht.

Aber der Reihe nach. Erzählt wird in dem Buch Folgendes: Weil der kluge Fisch dieser Geschichte so gerne mal an Land sein würde statt immer nur im Wasser, erfindet er für sich Füße, baut sich selbst welche und probiert sie auch erfolgreich aus. Weil er an Land dann aber so allein ist, springt er wieder zu seinen Freunden ins Wasser.

Es heißt weiter: Die „Idee vom Gehen“ habe sich ein paar Millionen Jahre danach dann aber doch noch durchgesetzt. Weil die späteren Fische aber nicht so klug waren wie unser Held, das Ausnahme-Genie, seien sie auf ihren Flossen gekrochen bis ihnen dann Füße statt Flossen gewachsen seien.

Die „Idee des Gehens“?

Wäre das alles, was darüber gesagt wird, könnte ich mit viel Wohlwollen den Teil mit dem klugen Fisch als eine Art Fabel lesen und das, was Millionen Jahre später passiert, dann als hinreichend realitätsnahe Evolutionshistorie.

Doch auf der letzten Seite werden beide Teile zusammengefügt mit den Satz: „Und all das verdanken wird einem einzigen klugen Fisch.“ Das dazugehörige Bild zeigt auch noch, wie unser unscheinbare Fisch-Held die nächste kühne Idee hat: das Fliegen mit Flügeln. Und damit ist es mit meinem Wohlwollen als Biologin dann endgültig vorbei.

Denn hier wird tatsächlich die Tatsache, dass sich aus Fischen Landlebewesen mit Füßen entwickeln auf die Idee eines genialen Fisch-Erfinders Millionen Jahre zuvor zurückgeführt. Wie aus seiner technischen Leistung so viel später dann ein biologischer Teil des Körpers bei Anderen wird? Das bleibt völlig offen.

Es ist zu vermuten, dass es den meisten Kindern und vorlesenden Eltern aber auch plausibel genug erscheint zu sagen, die „Idee des Gehens“ habe sich durchgesetzt. Auch wenn das eine Pseudo-Erklärung ist, die gar nichts erklärt, sondern nur Vergleichbarkeit und Verbindung suggeriert, wo es nichts von beidem gibt.

Nicht auf der Höhe der Zeit

Würde ich versuchen, dem Buch auch aus der Sicht der Biologie-Didaktik etwas Gutes abzugewinnen, könnte ich natürlich lobend erwähnen, dass sich Füße als Innovation in diesem Buch über Millionen Jahre entwickeln. Und dass sie nicht als Teil des Planes eines Schöpfergottes dargestellt werden. Kurzzeit-Kreationisten werden diese Geschichte also ihren Kindern definitiv nicht vorlesen. Aber damit ist die Geschichte leider noch nicht auf der Höhe der Zeit.

Sie passt mit der Annahme eines inneren Antriebs zur Selbstvervollkommnung bzw. einer abstrakten Idee, die die Entwicklung vorantreibt, eher zu frühen Evolutionsvorstellungen wie denen von Jean-Baptiste de Lamarck um das Jahr 1800 herum, der zwar aufgrund von Fossilfunden von einer Veränderlichkeit der Arten ausging, der jedoch noch ziemlich im Dunkeln tappte was die Mechanismen dieser Art-Veränderungen anging.

Es tut mir ja leid, aber dass ein heutiges Kinderbuch, das dem weitgehenden Unwissen von 1800 entspricht, auf der ersten Seite von Amazon landet, wenn Kinderbücher über Evolution gesucht werden, kann ich nur als ein Armutszeugnis ansehen. Dann ist die Auswahl vielleicht einfach zu bescheiden.

Besseres für Kindergartenkinder

Zugegeben: Das, was wir heute über die Evolution wissen, ist auch für erwachsene Menschen meist nicht intuitiv plausibel. Dass Organismen mit hochkomplexen biologischen Strukturen entstanden sind, ohne dass etwas in ihnen ein Ziel hatte oder jemand die Änderungen, die zu ihnen führten, vorher gewollt oder gar geplant hat, das bleibt für viele einfach schwer vorstellbar.

Wer vermitteln will, was die Evolutionsbiologie heute weiß, muss wissen, dass dem Verständnis viel im Wege steht und den üblichen Fehlvorstellungen aktiv entgegenwirken. Dass das möglich ist und dabei ebenfalls wunderschöne Erzählungen für das Kindergarten-Alter rauskommen können, zeigt etwa das Buch „Grandmother Fish“ von Jonathan Tweet, das bisher aber leider noch nicht auf Deutsch erschienen ist.

Wer „Grandmother Fish“ für Kinder im Kindergarten-Alter spontan übersetzen kann, wird damit viel Spaß haben. Weil das Buch in sehr einfachem Englisch geschrieben ist, werden das viele hinkriegen, bin ich sicher. Es ist aber trotzdem zu hoffen, dass sich für dieses schöne Buch irgendwann auch mal ein deutscher Verlag findet.

Leider nicht zu empfehlen: Ein kluger Fisch



Chris Wormell (Text und Illustration)
Ein kluger Fisch
Moritz-Verlag (2011)
Sprache: Deutsch
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 4 – 6 Jahre
Bei Amazon anschauen*
Gebundene Ausgabe: 32 Seiten
ISBN-10: 3895652261
ISBN-13: 978-3895652264
Das englisches Original ist 2010 unter dem Titel „One Smart Fish“ bei Jonathan Cape erschienen, das zur Random House gehört.

Die bessere Alternative: Grandmother Fish



Jonathan Tweet (Idee & Text), Karen Lewis (Illustration)
Grandmother Fish – a child’s first book of Evolution
Verlag Feiwel and Friends (2016), Teil der Macmillan-Gruppe
Sprache: Englisch
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 3 – 6 Jahre
Bei Amazon anschauen*
Gebundene Ausgabe: 40 Seiten
ISBN-10: 0986288403
ISBN-13: 978-1250113238
ASIN: 1250113237
Bereits 2014 als Kickstarter-Projekt entstanden. Website zum Buch: http://www.grandmotherfish.com/

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