Selbst die Australier sind über den EU-Streit Greenpeace vs Wissenschaft besser informiert sind als die EU-Öffentlichkeit selbst

In den letzten zwei Wochen habe ich mich zwar gefreut, mit meinem kleinen Wissensküche-Blog hier etwas Aufmerksamkeit erzeugt zu haben für den Streit über die Wissenschaftliche Beratung in der EU.

Aber größer als diese Freude ist bei mir die Verwunderung darüber, dass die Berichterstattung zum Thema fast ausschließlich in englischsprachigen Medien stattfindet. Selbst Australien und die USA sind besser über den Konflikt informiert als die EU-Öffentlichkeit.

Noch erstaunlicher ist nur noch, wie wichtig das Thema Wissenschaftliche Beratung für die Politik offenbar in den letzten Jahren international geworden ist, ohne dass man in Deutschland davon etwas mitbekommen würde.

Vorletzte Woche schrieb ich erst auf Twitter und dann hier im Blog darüber, wie sehr mich die Forderung von Greenpeace und anderen Umweltorganisationen beunruhigte, den Posten des wissenschaftlichen Beraters für die EU-Politik abzuschaffen. Auch verkündete ich, dass ich deswegen die öffentliche Gegenforderung von „Sense about Science“ unterschrieben habe, den Posten zu erhalten.

Zum Glück war ich mit meiner Beunruhigung dann nicht mehr ganz allein. Bis jetzt wurde mein Blog-Beitrag dazu 390 mal gelesen und der Link dazu 68 mal auf Facebook und 15 mal auf Twitter geteilt.

Auch die Antworten und Reaktionen auf meine Tweets und den Blog-Post haben mich gefreut und mir gezeigt, dass ich Andere auf das Thema aufmerksam machen konnte.

So schrieb Josef Zens, Abteilungsleiter Kommunikation am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC):

Und der Verband deutscher Biologen antwortete per Mail und Twitter auf meine Frage und setzte ein Zeichen:

Auch freute ich mich, dass zwei Journalisten das Thema aufgriffen. Hans Zauner schrieb für die Online-Ausgabe des Laborjournals einen gepfefferten Text zum Thema. Und Edda Grabar berichtete in einer Spalte für den Tagesspiegel (leider hinter der Paywall, aber E-Paper-Ausgabe kann per Paypal  für 0,99 Euro erworben werden).

Erstaunlich finde ich aber immer noch, dass das Thema sonst so wenig Aufmerksamkeit erzeugt zu haben. Denn das Verhältnis zwischen Politik, Lobbygruppen und der Wissenschaft ist ja doch eines, das die Gemüter in Deutschland doch auch sehr bewegt.

Trotzdem findet die Debatte fast ausschließlich in englischsprachigen Medien stattfinden. Dort berichteteten nicht nur Fachmedien wie der New Scientist und BMJ über den Streit, sondern auch viele englischsprachige Publikumsmedien. Und zwar ausführlich. Etwa die britischen Times, der Guardian und BBC-Radio (ab 1:10:00), aber auch das US-amerikanische (!) Wirtschaftsmagazin Forbes und das australische (!) populärwissenschaftliche Magazin Cosmos.

Aber warum gibt es im englischsprachigen Raum so viel Aufmerksamkeit dafür und außerhalb davon so wenig? Das finde ich irgendwie komisch.

Liegt es vielleicht daran, dass die Funktion des Chief Scientific Advisors, des Wissenschaftlichen Beraters, als eine angelsächsische Tradition gilt?

Oder schwappt das Thema hier so selten in die Schlagzeilen, weil die Wissenschaftliche Beratung der Politik hier in Deutschland in einer so einer großen Zahl von Beiräten und Kommissionen organisiert ist, dass alles eher unter dem Radar läuft?

Oder fühlen sich  hierzulande weder Politik- noch Wissenschaftsjournalisten so richtig zuständig für den Grenz- und Überschneidungsbereich der beiden Sphären in der Politikberatung?

Fragen über Fragen.

Ich habe mich mal ein bisschen eingelesen in den letzten Tagen. Auch weil mir das Konstrukt des Chief Scientific Advisors nicht so bekannt war. Dabei ist mir erst aufgefallen, wie viel sich im Moment im Bereich der Wissenschaftliche Beratung für Regierungen tut. Es ist gerade ein wirklich sehr dynamisches Feld, das in den letzten Jahren für viele Länder weltweit an Bedeutung gewonnen hat.

Interessant für’s Einlesen in die Thematik fand ich dabei zwei Artikel im englischen Guardian, geschrieben von James Wilsdon , einem Professor für Wissenschaft und Demokratie an der Universität von Sussex.

Im Juni erklärte er der englischen Leserschaft, wie divers die Wissenschaftliche Beratung in den unterschiedlichen EU-Ländern organisiert ist und wie Anne Glover seit Monaten mit den Regierungen aller EU-Staaten darüber verhandelt, dass jedes EU-Land einen Repräsentanten ernennen sollte für ein neues europäisches Netzwerk der Wissenschaftsberater.

Auch international ist die Wissenschaftliche Beratung von Regierungen ein Feld mit erheblichem Aufwind, wie Wilsdon im März diesen Jahres im Guardian berichtete. Vorangebracht habe es laut Wilsdon in den letzten Jahren vor allem auch Peter Gluckman, der CSA von Neuseeland, der in zwei Wochen, also Ende August in Auckland seine Kollegen aus aller Welt empfängt, die sich in der ersten internationalen Konferenz (@GlobalSciAdvice) zum Thema über die Herausforderungen der Rolle austauschen werden.

In einem akuellen Artikel beleuchtet physics-world.com lesenswert die Themen und Herausforderungen der bevorstehenden Konferenz – The power and pitfalls of science advice und hat dazu auch mit Wilsdon, Gluckman und Glover geredet. Es scheint einen wachsenden Konsens darüber zu geben, dass sich Wissenschaftliche Beratung professionalisieren und international vernetzen muss.

Auf welche Weise, mit welchen Regeln und in Form welcher Institutionen die Wissenschaft Politik beraten kann und sollte, ist derzeit ein intensiv diskutiertes Gebiet. Das ist also auch durchaus über den aktuellen Konflikt mit den Umweltorganisationen hinaus ein viel spannenderes Thema als ich gedacht hätte.

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