Erst lesen, dann lästern…

Ein Ausschnitt aus meinem Bücherstapel

Von Richard Dawkins Klassiker „Das egoistische Gen“ hab ich mich jahrelang naserümpfend ferngehalten. Allein der Titel! Das kann Biologie-Laien doch nur ein falsches Bild von Evolution vermitteln! Und das, was mir begeisterte Leser davon berichteten, entsprach auch so gar nicht dem Bild von Evolution, das meine Lehrbücher vermittelt hatten. Da hatte immer das Individuum und sein Fortpflanzungserfolg im Mittelpunkt gestanden und nicht das einzelne Gen.

Wie soll man aber über ein Buch ordentlich lästern, das man nicht gelesen hat? Wie konnte ich also ablehnen als mir einer der Dawkins-Fans anbot: „Ich bring dir mal meine kommentierte Jubiläumsausgabe mit“? Das war im Herbst. Monatelang lag das Buch dann wartend in meinem Bücherstapel und schaute mich immer vorwurfsvoller an. Nun hab ich’s endlich durch. Und muss gestehen, dass mir gar nicht mehr so sehr nach lästern ist.Na, klar ist die Rede vom „egoistischen Gen“ heikel. Ja, er vermenschlicht die Gene, macht sie zu Akteuren mit Gefühlen und Motiven, zu geheimen Mächten mit eigener Agenda. Aber man muss ihm zu gute halten, dass er dieses Bild sehr bewusst und sehr pädagogisch gebraucht.  Und er betont immer wieder, dass diese Ausdrucksform nur ein „So tun als ob“ sei. Dass natürlich Gene nicht wirklich „egoistisch“ sein könnten. Er wählte diese Art der Erklärung, weil die Mechanismen der Evolution so eindringlicher und einfacher zu verstehen ist. Weil Menschen gewohnt sind in diesen Kategorien zu denken. Und genau deswegen hat dieses Buch auch so ein breiten Publikum gefunden.

Dass am Ende bei so manchem Leser nur hängenbleibt, wir seien nichts als Roboter, die von ihren Genen kontrolliert werden, dann kann man das Dawkins nicht wirklich anlasten. Erst recht nicht, wenn Leute meinen, man könne moralisch fragwürdiges Verhalten damit rechtfertigen, dass die Gene einem das schließlich diktieren würden. Nein, Dawkins bricht die Themen zwar runter, emotionalisiert sie, erzählt Geschichten aus ihrem Stoff, aber er versucht ernsthaft die Leser den ganzen Weg bis zur differenzierten Sicht der Dinge mitzunehmen. Klar, er wollte mit diesem Buch auch provozieren, aber eins tut er nicht: er vertritt nicht den platten Determinismus, den ich erwartet hatte.

Stephen J. Gould und Richard Lewontin warfen ihm ja vor zu den Ultra-Darwinisten zu gehören, zu den Soziobiologen, die eine übersimplifizierte Version der Evolutionstheorie vertreten. Gould spricht vom egoistischen Gen als „a hyper-Darwinian idea that I regard as a logically flawed and basically foolish caricature of Darwin’s genuinely radical intent“ (aus einem Buch-Verriss von 1997 über Daniel Dennetts „Darwins Dangerous Idea“).

Beeindruckt hat mich, wie gelassen Dawkins in den Anmerkungen am Ende des Buches auf solche Kritik an ihm antwortet. Und auch, wie er mit seinen Fehlern von damals umgeht. Die Erstveröffentlichung war schließlich 1976! Überhaupt finde ich die Kommentare hinten am besten. Wahrscheinlich, weil das eigentliche Buch für mich nicht viel Neues bietet. Aber hinten im Buch ist noch mal Debatte. Da sieht man wie sehr ihm die Wissenschaft am Herzen liegt. Da verknüpft er mal eben die neuen Aspekte der letzten Forschungsjahrzehnte mit dem damals Geschriebenen, spinnt Gedanken weiter, stellt Vermutungen auf, spielt damit rum, hat Spaß. Schön. Hat mir gefallen.

Wer hätte das gedacht.

Richard Dawkins
Das egoistische Gen*
Spektrum Akademischer Verlag
4. Aufl (Oktober 2006)
ISBN: 978-3827418395

* mit dem Sternchen kennzeichne ich Partner-Links im Text (mehr dazu im Werbe-Disclaimer)

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