Wie umgehen mit Kreationismus? – Argumentationshilfe für eine Bio-Lehrerin mit Zweifeln an der Evolution

Bei mir meldete sich Anfang des Jahres eine Biologie-Lehrerin, die mit mir über ihre Zweifel an der Evolutionstheorie reden wollte. Und ich versuchte die richtige Erwiderung auf die kreationistischen Argumente zu finden, mit denen sie sich gerade beschäftigt:

Wann und wie ist eine Debatte mit Kreationisten überhaupt sinnvoll? Was sind die Vor- und Nachteile welcher Art von Gegenargumentation? Verteidige ich die Wissenschaft gegen kreationistische Kritik? Gehe ich zum Angriff auf die Weltsicht der Gegenseite über? Oder sind Meta-Diskussionen über das Wesen der Wissenschaft besser?

Eine Bio-Lehrerin mit Zweifeln an der Evolution

Im Januar dieses Jahres erreichte mich über die Wissensküche eine Nachricht von einer Biologie-Lehrerin aus Hessen, die mich um meine Meinung bat. Sie habe bisher von Darwin im Unterricht positiver gesprochen als von den Kreationisten, aber nachdem sie dieses Buch von Risi gelesen habe… Sie würde sich daher gerne austauschen über Zweifel an der Evolutionstheorie. „Vielleicht haben Sie dazu ja auch schon etwas gebloggt.“

Hatte ich nicht. Aber der Umgang mit kreationistischer Argumentation aus Lehrersicht interessierte mich. Denn auf diese Art der Wissenschaftskritik wird man im Biologie-Studium meist nicht vorbereitet, obwohl es einem später sehr wahrscheinlich begegnet . Ich war neugierig: Was waren das für Argumente, die sie zum Nachdenken gebracht hatten, und was würde ich Ihnen selbst entgegensetzen?

Wie argumentieren gegen Risi und Co.?

Um mir einen schnellen Eindruck zu verschaffen, suchte ich nach Videos von dem Autoren des Buches (Evolution – Stammt der Mensch von Tieren ab?*) , das die Lehrerin geschenkt bekommen hatte und wurde bei Youtube fündig. In diesem Vortrag von Armin Risi gab es den üblichen Aufguss der Kreationisten-/Intelligent Design-Argumentation (mit einer kleinen Variation, auf die ich gleich zu sprechen komme).

Ich überlegte: Wie würde ich darauf antworten? Ich versuchte, in der Mail an die Lehrerin verschiedene Ansätze darzustellen. Dabei wurde der Text immer länger und länger. Am Ende schrieb ich ihr in einem P.S., dass der Brief an sie wohl zur Grundlage eines Blogbeitrags zum Thema werden würde.

Denn ihre Frage hat mich angeregt ein paar Links zusammenzutragen, und Struktur reinzubringen in meine Einschätzungen zu den einzelnen Arten von Gegenargumenten. Und ich denke, diese Gedanken könnten vielleicht auch für Andere interessant sein, die sich fragen, ob und wie sie von einem wissenschaftsbasierten Standpunkt mit Kreationisten diskutieren könnten.

Kopfschütteln über das, was statt der Evolutionstheorie für wahr gehalten wird?

Eine Art auf kreationistische Wissenschaftskritik zu reagieren, ist eine Gegenkritik an dem, was von Kreationisten als Alternative zur Evolution vertreten wird. Die meisten Kreationisten orientieren sich ja an der Überlieferung der Bibel, die sie buchstabengetreu für wahr halten. Risi ist da etwas origineller. Er wirbt für seinen eigenen „radikalen, dritten Weg“ zwischen Atheismus und Monotheismus, der sich als eine eigenwillige Mischung aus indischer Mythologie und Esoterik herausstellt. Siehe z.B. hier: Involution in den vedischen Beschreibungen.

Das lädt natürlich zu einer eher sarkastischen Antwort auf seine Wissenschaftskritik ein. Nach dem Motto: „Aha, die Evolutionstheorie ist also unglaubwürdig. Aber an der realen Existenz von Astral-Energien und Reinkarnationen, Psi-Kräften und höherdimensionaler Welten gibt es keinen Zweifel. Ja, klar…“

Will man diese Art der Gegenargumentation verfolgen und sich nicht selbst länglich einlesen in seine Gedankenwelt, bietet die Psiram-Seit über Armin Risi einen guten Einstieg in die besonders fragwürdigen Blüten unter seinen Aussagen, Überzeugungen und Kontakten.

Der Nachteil dieser Art der Argumentation: Dadurch, dass man die Gegenseite lächerlich macht, schenkt man ihr gleichzeitig die Möglichkeit sich als armes Opfer von Diskriminierung oder gar von Verschwörungen zu inszenieren. Nach dem Motto: Seht, die mächtige Wissenschaftslobby, wie sie kollektiv auf Andersdenkenden rumtrampelt!

Gegenargumente auf der Ebene der Evolutionsbiologie selbst?

Wer auf der Suche nach Gegenargumenten auf der Ebene der Biologie selbst ist, wird oft in den Informationsangeboten der AG EvoBio fündig. Dort gibt es lange Abhandlungen zu bestimmten kreationistischen Argumentationen und den Gegenargumenten aus der Wissenschaft, etwa diese gelungene, biowissenschaftliche Erwiderung auf das beliebte – auch von Risi benutzte – Argument, komplexe Strukturen könnten nicht durch Evolution entstehen, weil sie zu viele Mutationsschritte auf einmal erforderten: Die Evolution bakterieller Flagellen.

Nachteil: Diese Art der Diskussion ist zwar eigentlich die sinnvollste, ist in der Praxis aber ermüdend, weil sie von kreationistischer Seite unfair geführt wird. Denn Kreationisten wollen stets nur über tatsächliche oder angebliche Wissenslücken der Forschung reden, weil sie diese als Argumente für die Richtigkeit ihrer eigenen Sicht auslegen. Sobald die Wissenschaft dann aber eine Lücke gefüllt, einen Zweifel ausgeräumt, und einen Sachverhalt geklärt hat, suchen Kreationisten sich einfach die nächste Lücke im Wissen und das nächste Noch-nicht-Erklärte, um sie der Wissenschaft als schweren Mangel vorzuwerfen. Und zumindest mir ist diese Vorgehensweise zu blöd. Sie ist unfair und macht mich wütend.

Ablehnen einer Diskussion, weil keine gemeinsame Basis da ist?

Aber wenn die Diskussion über wissenschaftliche Detailfragen von kreationistischer Seite so unfair geführt wird, macht das Reden mit Kreationisten überhaupt Sinn?  Gibt es irgendeine gemeinsame Grundlage, auf deren Basis man diskutieren könnte?

Man kann ja bei Kreationisten nicht davon ausgehen, dass sie die wissenschaftliche Methode als besondere Erkenntnismethode akzeptieren. Sie erkennen nicht an, dass Forschungsergebnisse ein Wissen darstellen, dass überprüfter und gesicherter ist als bloße Behauptungen.

Die Offenbarungen der eigenen Religion oder die gefühlten Wahrheiten der eigenen Spiritualität sind für sie immer wesentlich glaubhafter, als Ergebnisse der Wissenschaft – auch wenn diese vielfach bestätigt wurden. Kann ich mir die Diskussion über Wissenschaft dann nicht tatsächlich sparen?

Ich kann ja nur dann sinnvoll darüber reden, ob die Wissenschaft richtig liegt, wenn es zumindest irgendwelche Ergebnisse geben könnte, die die Menschen überzeugen, dass die Wissenschaft richtig liegt und ihre Überlieferungen/Überzeugungen nicht. Und das scheint mir bei Kreationisten nicht der Fall zu sein. Ist es dann nicht die beste Lösung Wissenschaftskritik aus dieser Ecke einfach zu ignorieren?

Diskussion über das Wesen der Wissenschaft?

Als Alternative zu sinnlosen Diskussionen über den Inhalt von Wissenschaft bieten sich aber noch bestimmte Arten der Meta-Diskussion an. Man kann selbst darauf zu sprechen kommen, dass das Wissen der Evolutionsbiologie voller Lücken und noch nicht ganz Verstandenem ist. Aber man sollte darauf bestehen, dass sich die Evolutionsbiologie darin eben nicht von anderen biologischen Disziplinen unterscheidet.

Man kann seine Diskussionspartner fragen, ob sie denn genauso auch die Zelltheorie anzweifeln oder die Vererbungstheorie oder die Theorie, dass bestimmte Krankheiten von Keimen ausgelöst werden. Man kann sie fragen, was sie von der Hormontheorie halten oder von der Nerventheorie.

Das könnte ein wenig Verwirrung stiften. Denn es ist ja unüblich im Zusammenhang mit den Konzepten dieser anderen biologischen Disziplinen von Theorie zu reden. Aber wo ist der Unterschied?

Auch die wissenschaftlichen Modelle und Vorstellungen rund um Zellen, Genetik, Infektion, Hormone oder Neuronen haben sich beständig geändert und werden das auch weiterhin tun. Warum wird diese normale wissenschaftliche Weiterentwicklung nur der Evolutionsbiologie als Mangel vorgeworfen, aber nicht den anderen Disziplinen der Biologie?

Diskussion über Einseitigkeit und psychologische Konflikte?

Daraus ergibt sich eine andere Gegenargumentation, die die Motive der Evolutionskritiker hinterfragt: Nehmen wir an, ein Kreationist vertraut der Wissenschaft, wenn es um die Ortung durch GPS geht und um das Wirken seines Bluthochdruckmittels, aber nicht, wenn es darum geht, die zahlreichen Befunde über die Veränderung von Lebensformen in der Vergangenheit zu erklären. Warum gibt es bei ihm diese Diskrepanz?

Denn eine solche einseitige Kritik bei nur einem Thema ist ja erklärungsbedürftig. Wenn Wissenschaft so furchtbar ist, warum ist sie dann in manchen Bereichen vertrauenswürdig genug, um Technik und Medikamente zu benutzen und viele Erklärungen plausibel zu finden, wird aber in anderen Bereichen abgewehrt und abgewertet?

Oft zeigt sich nämlich, dass Wissenschaft nur dort angezweifelt wird, wo sie eigene, heilige Überzeugungen in Frage stellt. Und dies ist ein Zeichen dafür, dass vielleicht nicht die Wissenschaft hier morscher ist als anderswo, sondern nur hier ein Konflikt besteht zwischen der Wissenschaft und den eigenen Überzeugungen. In dem Fall sagt eine Wissenschaftskritik nichts über die Wissenschaft aus, sondern nur etwas über die empfindlichen Stellen im Weltbild des Kritikers selbst.

Diskussion über den Verzicht auf übersinnliche Erklärungen?

Ebenfalls offensiv könnte man damit umgehen, dass die Wissenschaft tatsächlich voraussetzen muss, dass es auf der Welt mit rechten Dingen zugeht. Dies wird von religiöser und esoterischer Seite ja gerne empört als Engstirnigkeit und Dogmatismus bezeichnet. Risi beschimpft diese Einschränkung im oben verlinkten Video als ignoranten und sogar gefährlichen Materialismus.

Aber wenn das so engstirnig ist, warum ist diese angeblich zu absurde Einengung auf natürliche Erklärungen bei den allermeisten Menschen in jedem Lebensbereich zum allgemeinen Standard geworden? Egal, ob wir rausfinden wollen, warum der Hund krank ist, ein Haushaltgerät nicht mehr funktioniert oder wer hinter einem Verbrechen steckt – nur sehr wenige Menschen würden heutzutage doch ernsthaft Hypothesen akzeptieren oder gar nachgehen, die einen Gott, einen Dämon oder übersinnliche Kräfte für eine Krankheit, die kaputte Spülmaschine oder ein geklautes Fahrrad verantwortlich machen.

Es ist hier also angebracht den Kreationisten die Gegenfrage zu stellen: Wenn wir im Alltag so gut damit fahren nach normalen, pragmatischen Erklärungen ohne übersinnliches Einwirken zu suchen, was spricht dann dafür, bei bestimmten Sachverhalten plötzlich auf übersinnliche Erklärungen zu setzen? Ist nicht diese übersinnnliche Ausnahme das eigentlich Ungewöhnliche und daher Erklärungsbedürftige? Und nicht andersrum der einheitliche Verzicht auf übersinnliche Erklärungen?

Weitere Möglichkeiten? Empfehlungen?

Mir ist zu dem Thema einiges eingefallen, aber es gäbe sicherlich noch viel mehr dazu zu sagen. Gibt es noch Argumentationsebenen, die ich übersehen habe?  Was kann man der Lehrerin darüber hinaus an die Hand geben? Welche Websites/Bücher/Videos sind noch empfehlenswert für Lehrkräfte der Biologie, die Argumentationshilfen gegen kreationistische Wissenschaftskritik suchen?

Die Lehrerin schrieb mir z.B. später, dass sie den Artikel über die Bakteriengeißel überzeugend fand, dass andere Themen sie jedoch weiterhin beschäftigten. Zweifel habe sie etwa immer dann, wenn Wissenschaftler Knochen in riesigen Gebieten „zufällig“ finden, die ihre Evolutionstheorie bestätigen. Es erscheint ihr absurd, wie viel Forscher dann „aus diesem kleinen Knochen herauslesen“.

Gibt es Info-Material, das sich speziell diesem Thema widmet? Was wäre hier aus der Paläontologie empfehlenswert? Irgendwelche Ideen?

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12 Gedanken zu „Wie umgehen mit Kreationismus? – Argumentationshilfe für eine Bio-Lehrerin mit Zweifeln an der Evolution“

  1. Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel und die Links. Ihre Gedanken haben mich nun auch auf die Idee gebracht, beim Senckenberg-Museum in Frankfurt mal nachzuhören, wie aus einem kleinen Knochenfragment ein ganzer Körper rekonstruiert und dann dessen Größe verallgemeinert werden kann.

    1. Ja, ich werd auch mal ein wenig über die Sozialen Medien rumfragen, ob es da Tipps gibt. Vielleicht gibt es ja Erklärungen zur Methodik der Paläontologie, die sich speziell der kreationistischen Kritik widmen.

  2. Vielen Dank für diese gründliche und umfassende Erörterung, ich habe etwas ähnliches bisher nicht gelesen. Der Lehrerin würde ich empfehlen auf ein geisteswissenschaftliches Fach ‚umzusatteln‘ da es ihr offensichtlich nicht möglich ist sich von der Sachebene zu lösen und das zugrunde liegende Muster zu erkennen.

    ——————————————–

    Eine “ .. Diskussion über das Wesen der Wissenschaft .. “ scheint mir stets der einzig relevante Weg zu sein – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass mein Gegenüber akzeptiert was jeder in der Naturwissenschaft Tätige verinnerlicht hat:
    Befunde sind nicht zu diskutieren, sie sind Fakten. Allenfalls können die Auswirkungen auf frühere Ergebnisse diskutiert werden und zu einer neuen Sichtweise führen.

    Schon dieser einfache Gedanke führt aus meiner Erfahrung allerdings zu einem *“Siehste, doch keine endgültige Erkenntnis!“*. Ehrlichkeit und Abwägung von Argumenten wird als Schwäche ausgelegt – ein „Gläubiger“ hat keine Zweifel zu haben, das wird bereits in frühen Jahren eingebläut.

    So lange ein Diskussionspartner nicht darauf verzichtet zu „glauben“ oder das durch „wissen“ zu ersetzen, so lange ist eine Diskussion müßig. Ich frage da zunächst ganz andere Punkte ab um mir Klarheit zu verschaffen: Werden Horoskope als ‚wahr‘, Homöopathie als ’nützlich‘ und 100-jährige Kalender als ‚hilfreich‘ angesehen (willkürlich herausgegriffene Beispiele) – und wenn das so ist unterlasse ich jede weitere ernsthafte Diskussion.

    Man muß damit leben können, dass es eine Zahl von Menschen gibt die nicht in der Lage sind sich auf eine abstrakte Denkebene zu begeben – das ist eine Erkenntnis die ich in 73 Lebensjahren gewonnen habe: Wann Aufwand sinnlos ist!

    PS
    Die Funde von Knochen sind ja nie „rein zufällig“. Ich habe während des Studiums in den ’70ern nebenbei ein paar Vorlesungen Paläontologie gehört, das war damals noch möglich, als das Biologiestudium noch nicht so verschult war. Von daher weiß ich, dass sehr gezielt nach/in bestimmten Gesteinslagen gesucht wird. Was natürlich den einen oder anderen tatsächlichen Zufall nicht ausschließt.

    1. Habe nicht so viel Einblick in die Paläontologie, aber erinnere mich aus dem Buch Der Fisch in uns* auch, dass Neil Shubin es darin aus meiner Sicht sehr plausibel erklärt, warum er ausgerechnet in einem bestimmten Teil von Grönland (war das glaube ich) nach Fossilien suchte.

      Was die Auseinandersetzung mit Leuten angeht, die andere Welt- und Menschenbilder haben, denke ich, muss man sich klar machen, was man will und was man erreichen kann. Ich versuche mich darauf zu beschränken, meine eigene Haltung zu erklären und versuche nicht in Diskussionen zu geraten, die mich wütend machen.Das ist aber nicht immer einfach, gerade wenn der Wissenschaft wie Sie sagen „Ehrlichkeit und Abwägung von Argumenten als Schwäche ausgelegt“ werden. Oder anders rum, wenn der Wissenschaft Arroganz vorgeworfen wird, obwohl es ja ihre religiösen und esoterischen Kritiker sind, denen es an dem mangelt, was ich Demut vor der Evidenz nennen würde.

      Deswegen rede ich persönlich lieber über die Meta-Ebene, also entweder über die Psychologie (wie unsere Überzeugungen Bias erzeugen – also dass wir Evidenz mit unterschiedlichem Maß messen und zwar nicht nur durch unsere religiösen, sondern ja auch durch unsere politischen Überzeugungen) oder über den Geltungsbereich einer naturalistischen Weltsicht, also für welche Wissensbereiche Leute natürliche Ursachen annehmen und für welche nicht. Denn das ist bei Menschen ganz unterschiedlich. Es existieren ja für die meisten Menschen zwei getrennte Bereiche nebeneinander. Ein Bereich, wo sie ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass es mit rechten Dingen zugeht. Und ein anderer Bereich der Welt/des Wissens, wo sie übernatürliche Ursachen annehmen oder zumindest für plausibel halten. Das finde ich tatsächlich als Phänomen ganz faszinierend.

  3. Nachdem ich ihre Antwort gelesen habe möchte ich noch einen Satz in meinem ersten Kommentar hinzufügen:
    Nicht nur „Wann Aufwand sinnlos ist!“, sondern zusätzlich „Wann man Schaden nimmt weil man sich über Unwissenheit und Ignoranz aufregt.

    Politik gehört nicht umsonst zu den Geisteswissenschaften, bei denen es nur Überzeugungen und seltenst Fakten gibt.

  4. Um alle Reaktionen hier zu bündeln:

    Auf Twitter schrieb @wintermeyer
    vorgestern
    :

    Ab wie viel Knochenfunden wäre es schlüssig? Wäre es schlüssiger, wenn ich vor der Haustür Millionen von Knochen finden würde?

    Und @AgaroSegel schrieb gestern dazu:

    Klingt so, als würde sie der Auslegung kreationistischer Publikationen bezüglich des „Nebraska Man“ glauben. Dabei war die ganze Geschichte auch in der Fachwelt umstritten. https://en.m.wikipedia.org/wiki/Nebraska_Man

  5. Und auf Facebook schrieb eine Studienkollegin von mir, die auch Biologielehrerin ist, am Sonntag dazu:

    ich finde deinen Artikel sehr interessant, ich war auch schon mehrmals in einer solchen Situation. Zunächst sollte man sich bewusst machen, dass man mit Jugendlichen diskutiert, die in der Regel nicht ihre durch persönliche Erfahrung und Nachdenken gewachsene Meinung vertreten, sondern die ihrer Eltern bzw. Gemeinde oder sowas… Deswegen kommt man mit Argumenten auch nicht weit, sie fühlen sich sehr schnell in die Enge getrieben, auf genetischer Ebene fehlt Vorwissen, das macht keinen Sinn. Dann sollte man sich klar machen, was man eigentlich will, nämlich nicht, irgendeine Diskussion für sich entscheiden, sondern diese jungen Menschen für wissenschaftliche Argumentation öffnen. Ich bin ganz gut damit gefahren, offen zu gestehen, dass es sich um eine EvolutionsTHEORIE handelt, ich habe keine Beweise, das Puzzle, aus dem diese Theorie besteht hat Lücken, die aber immer weniger werden und deswegen erscheint mir persönlich diese Theorie einfach wahrscheinlicher als alle anderen, von denen ich so gehört habe. Ich bitte die Schüler darum, für diesen Zeitraum offen zu sein für die Argumente, die sie in dieser Unterrichtsphase kennenlernen werden und sich anschließend erst ein Bild zu machen. Meist sage ich noch, dass ich überhaupt kein Interesse daran habe, sie ihres Glaubens zu berauben, weil es wissenschaftlich erwiesen sei, dass Menschen mit einem festen Glauben eine höhere Lebenszufriedenheit haben 😉 . Ich erwähne auch, dass ich, auch wenn es auf mich nicht zutrifft, Menschen kenne, die Glauben und Naturwissenschaft unter einen Hut bringen und denke dabei immer an unseren gemeinsamen Studienkollegen Johannes Graumann. Ich habe noch keinen bekehrt, aber ich glaube, dass die meisten sich das Thema dann doch mit einem guten Gefühl und Interesse anhören und das ist, was ich will.

    Vorgestern empfahl sie dann noch diesen SWR-Film: Adam, Eva und die Evolution

    Ich denke, er ist besonders für diejenigen geeignet, die daran interessiert sind, dass Glauben und Naturwissenschaften möglichst friedlich koexistieren. Denn der Film stellt die Positionen unterschiedlicher Theologien allgemeinverständlich dar, mit Kritik an den evangelikalen Gruppen und Freikirchen, die sich mit Opposition zu Evolutionsvorstellungen profilieren (genauso wie manche esoterischen Strömungen, wie Risi zeigt) und mit Sympathie für diejenigen, die den Konflikt minimieren wollen, also die katholische Kirche und der protestantische Mainstream in Europa.

  6. Per E-Mail erreichte mich zudem ein Kommentar eines Evolutionsbiogen, der u.a. Folgendes schrieb:

    Dass Paläontologen ihre „Methoden“ gegen Kreationisten absichern wäre mir eher neu, denn bekanntlich geht es ihnen primär darum, erstmal überhaupt Fossilien zu finden (= in vielversprechenden Schichten), und bei deren Interpretation kommt der Ärger dann ohnehin ganz von selbst, nämlich von kritischen Kollegen – was ja auch gut ist. Wer da all zu oberflächlich oder gar selbstherrlich vorgeht kann sich schnell einen schlechten Ruf einhandeln, trotz vorangegangener Verdienste – der Paläoanthropologe Lee Berger fällt mir dazu spontan ein. Nach meiner Erfahrung springen Kreationisten auf solche fachlichen Debatten meist als reine Trittbrettfahrer auf und klauen bzw. verdrehen die Argumente, wie es ihnen passt – dagegen kann man sich nicht groß absichern.

    … einfach nur festhalten, dass unterschiedliche Interpretationen ein und desselben Fossils sehr häufig vorkommen und Paläontologen immer auf fachliche Kritik und Widerspruch von Kollegen eingestellt sein müssen. Wer will da noch Energie auf religiöse Betonköpfe verschwenden? Der innerwissenschaftliche Diskurs ist anstrengend genug. Evolutionsbiologen sind sich nicht ständig einig, im Gegenteil.

    Zur Frage der Wahrscheinlichkeit eines Fundes schrieb er zudem:

    … es versteht sich z.B. von selbst, dass bei sekundärer Umschmelzung von Gesteinen auch Fossilien zerstört werden, da kann man auf nichts mehr hoffen. Umgekehrt gelten z.B. Sedimente aus ehemaligen karbonischen Sümpfen als sehr aussichtsreich, da dort auch filigrane Strukturen wie ins Wasser gefallene Blätter ausgezeichnet erhalten sein können. Wobei auch und gerade in karbonischen Schichten Fossilien sekundär wieder zerstört werden können und diese nicht per se erfolgversprechend sind.

    Geländeprospektion dürfte für Geo- und Paläontologen Routinearbeit sein, aber häufig hat man in bestimmten Gebieten ja auch einen jahrhundertelangen „Vorlauf“ z.B. durch Bergarbeiten und kann direkt dort weitermachen, wo bereits einmal etwas gefunden wurde. Trotzdem lässt sich ein gewisser Zufallsfaktor nicht wegreden, jedes gut erhaltene Fossil ist ein Glücksfall für die Wissenschaft. Nur dass Wissenschaftler eben nicht planlos durch die Gegend tappen bzw. so eindimensional vorgehen wie Lottospieler.

  7. [Zitat] „(…) mal nachzuhören, wie aus einem kleinen Knochenfragment ein ganzer Körper rekonstruiert und dann dessen Größe verallgemeinert werden kann“ [Zitat Ende]

    Genau das passiert ja eben NICHT: Knochen geben – ganz simpel auf den Punkt gebracht – an Information nur das her, was aus ihnen herauslesbar ist. Wenn man z.B. nichts als den Schädel hat, kann man eine Menge über das Nahrungsspektrum und Hirngröße sagen, ein wenig über die Körperhaltung (Hinterhauptsloch!), aber herzlich wenig über die Greiffähigkeit der Extremitäten. Aus diesem Grund werden die phylogenetischen Positionen mancher Hominiden immer noch ziemlich kontrovers diskutiert – nämlich insbesondere dann, wenn KEIN halbwegs komplette Skelett vorliegt.

    [Zitat] „Ich bin ganz gut damit gefahren, offen zu gestehen, dass es sich um eine EvolutionsTHEORIE handelt, ich habe keine Beweise, (…)“[Zitat Ende]

    Das ist sehr missverständlich, hier muss man klar stellen: Gerne wird der Begriff Theorie verwechselt mit dem, was der Assistent des Fernseh-Kommissars mein, wenn er sagt „Chef, ich hab da mal so ’ne Theorie“… JEDE naturwissenschaftliche Aussage ist eine Theorie bzw. ein Theoriengebäude, und solche haben Modellcharakter. Das ist keine Qualitätsaussage oder gar -einschränkung. Außerdem gibt es „Beweise“ in logisch strenger Form ausschließlich in den Formal- / Idealwissenschaften Mathematik und Logik.

    [Zitat Fortsetzung] „(…) das Puzzle, aus dem diese Theorie besteht hat Lücken, die aber immer weniger werden und deswegen erscheint mir persönlich diese Theorie einfach wahrscheinlicher als alle anderen, von denen ich so gehört habe.“ [Zitat Ende]

    Ja, so passt’s dann schon besser.

    Reichhaltige Informationen sind zu finden bei der AG EvoBio: http://www.ag-evolutionsbiologie.de/

    beste Grüße
    A.Beyer

    1. Danke, Prof. Beyer, auch für Links, die Sie mir per Mail geschickt haben. Der Vortrag, den Sie kürzlich zum Thema hielten, ist sicher für einige von Interesse, ich gebe das also hiermit mal an die Leserinnen und Leser weiter:

      Beim Forum Fachdidaktik Biologie 2018, das im Mai stattfand, sind auch weitere Vorträge aufgezeichnet worden:

      • Dr. Hansjörg Hemminger (ebenfalls AG EvoBio) sprach über menschliche Evolution und die kreationistische Grundtypenlehre (Video)
      • Dr. Roland Henke und Rolf Sistermann demonstrierten verschiedene theologische Argumentationen (Video)
      • und Prof. Dr. Dittmar Graf hielt einen Vortrag über Verständnisdefizite als Ursache der Ablehnung von Evolution und Evolutionstheorie (Video)
  8. Es gibt noch etwas zum Nachtragen:

    Ich war hier in Nürnberg Mitte Juni bei einem Vortrag der Biologiedidaktikerin Anna Beniermann „Warum die Evolution nicht bloß „eine Theorie“ ist“, der von der Gesellschaft für kritische Philosophie in Kooperation mit dem HVD Bayern organisiert wurde. Ich habe dabei nicht nur einiges Neues über kreationistische Organisationen in Deutschland und Meinungsforschung zum Thema Evolution gelernt, sondern habe die Gelegenheit auch genutzt und sie im Anschluss nach Literatur-Empfehlungen für den Umgang mit Kreationismus gefragt. Ihre Tipps:

  9. Außerdem habe ich im Juni erstmals bewusst von der Existenz der Frankfurter Evolutionstheorie gehört, die schon vor Jahrzehnten am Senckenberg Institut in Frankfurt a.M. entwickelt wurde. Das von Morphisto vertriebene Heft „Evolution der schwimmenden Vierfüßer war dazu sehr gedankenanregend. Zur Erforschung von Evolutionsgeschichte und Verwandtschaft werden die Organismen in dieser Theorie als biomechanische/hydraulische Konstruktionen beschrieben. Je nach bisheriger Evolutionsgeschichte, Umwelt und derzeitiger Fortbewegung ergeben sich bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten. Manche Typen von Körperbau können im weiteren Verlauf daraus entstehen, andere nicht. Das erinnerte mich an das Konzept der „Developmental Contraint“, das ich aus der Entwicklungsbiologie kenne, nur dass dieses Konzept bestimmte Einschränkungen/Muster für die Ebene von Morphologie, Bauplan und Bewegung erklärt. Das Konzept scheint mir ganz nützlich zu sein und eine Lücke zu füllen. Gerade als naturalistische Antwort auf die religiös-motivierte Grundtypen-Argumentation.

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