Mentale Zeitreisen & anderes spezifisch Menschliches – Thomas Suddendorfs Buch „Der Unterschied“

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Für die Molekularbiologen-Leserschaft der englischsprachigen Lab Times habe ich gerade was über „The Gap“ geschrieben (Why Chimps Make Poor Scientists),  das  inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist unter dem Titel „Der Unterschied – Was den Mensch zum Menschen macht“.

In der Rezension empfehle das Buch. Und das, obwohl es biologische Themen wie Genetik, Neuroforschung und Entwicklungsbiologie komplett ausklammert. Dafür bietet es aber einen tollen Überblick über die Verhaltensseite der Forschung – die vergleichende Psychologie von Mensch und Tier.

Ergänzend zur Rezension möchte ich hier noch ein wenig dazu erzählen, welches Thema mich in dem Buch besonders faszinierte und wie ich ursprünglich darauf aufmerksam wurde.

2012 begeisterte mich beim Turm der Sinne- Symposium in Nürnberg der Vortrag des über 90-jährigen Psychologen Norbert Bischof. Titel: „Das Geheimnis des Lagerfeuers – Was ist wirklich spezifisch menschlich“ (Kurz-Zusammenfassung auf der TdS-Seite).

Unter Kognitionsforschern ist das von ihm mitentwickelte Konzept als Bischof-Köhler-Hypothese bekannt. Demnach sind Menschen die einzigen Tiere, die nicht nur ihre momentanen Bedürfnisse befriedigen, sondern auch für zukünftige Bedürfnisse vorsorgen. Grundlage dafür ist unsere Fähigkeit zur Mentalen Zeitreise.

In den Monaten nach Bischofs Vortrag im Herbst 2012 las ich seinen Wälzer über die Moral sowie das Buch seiner Frau Bischof-Köhler über Entwicklungspsychologie. In beiden findet sich neben vielen anderen interessanten Themen jeweils auch etwas über das Konzept der Mentalen Zeitreise.

Ich wollte aber auch wissen, wie das Thema von anderen Forschern aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Und so stieß ich auf wissenschaftliche Artikel von Thomas Suddendorf und entdeckte, dass er dieses Buch geschrieben hatte, in dem er allgemeinverständlich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Denken von Mensch und Affe beleuchtet – unter anderem die mentale Zeitreise.

Wie Suddendorf in dem Buch erzählt, war der Ursprung seines Forschungsinteresses auch ein Text von Norbert Bischof, der Lesestoff in seinem Studium war. Seitdem erforscht Suddendorf Fragen wie: Wann und wie genau entwickelt sich die menschliche Eigenschaft im Geist auf Zeitreise zu gehen in der frühen Kindheit? Und wie ist das bei uns Menschen im Vergleich zu anderen Tieren?

Natürlich ist in „The Gap“ auch die Rede von den sonst viel öfter diskutierten menschlichen Eigenarten in Sprache und Intelligenz, Kultur und Moral, aber die Sache mit den Mentalen Zeitreise faszinierte mich auch in diesem Buch wieder nachhaltig.

Einiges scheint  inzwischen darauf hinzudeuten, dass die mentale Reise in die Zukunft sich evolutionär gemeinsam mit der Fähigkeit entwickelte sich an vergangene Ereignisse erinnern zu können. Das sogenannte episodische Gedächtnis hängt funktional eng mit der Vorstellungsvermögen für zukünftige Ereignisse zusammen. Und beide Fähigkeiten scheinen spezifisch menschlich zu sein.

Natürlich können auch Tiere sich erinnern. Etwa daran, wo Futter versteckt wurde. Das heiße aber nicht, meint Suddendorf, dass sie sich an den Vorgang des Versteckens erinnern würden. Und natürlich erinnern Tiere sich an Lösungen für Probleme. Aber können sie sich auch an die Ereignisse erinnern, durch die sie das Wissen erworben haben?

Suddendorf zitiert Argumentationen von Forschern, die bei manchen Tieren zumindest einen Ansatz von episodischem Gedächtnis entdeckt haben wollen. Er selbst aber findet die Fälle wenig überzeugend. Für ihn deutet alles darauf hin, dass Tiere zwar Wissen und Fertigkeiten erinnern, aber im Gegensatz zu uns Menschen eben nicht die Ereignisse, durch die sie sie erwerben.

Und ebensowenig gibt es für ihn überzeugende Hinweise, dass Tiere sich zukünftige Ereignisse vorstellen können. Wenn er recht hat, leben Tiere im Gegensatz zum Menschen vollständig im Hier und Jetzt.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr geht mir auf, wie zentral diese Eigenschaft der mentalen Zeitreise für das menschliche Leben ist. Vielleicht stellt sie sich sogar mal als etwas heraus, das der Entwicklung aller anderen menschlichen Eigenheiten vorangegangen ist – evolutionär gesehen.

In jedem Fall ist es ein spannendes Forschungsfeld, wie ich finde. Und ich freue mich richtig, dass Suddendorf das Thema für eine so große Leserschaft aufbereitet hat.

Einen kleinen Überblick über weitere Themen des Buches sowie den persönlichen Stil des Autors gibt es – wie gesagt – in meiner Rezension für Lab Times:

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My book review about „The Gap“ by Thomas Suddendorf – in the new issue of Lab Times, the European magazine for life scientists:

Book review: What Separates Us from Other Animals?
Why Chimps Make Poor Scientists
The evolution of the human mind is a truly multidisciplinary field. For biologists entering with a genetics and neuroscience perspective, this popular science book by Thomas Suddendorf is a good starting point for an exploration of the behaviour side of research. -> Read on in the E-Paper of Lab Times

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