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Rezension: Über Kutscheras & Meyers politische Weltsicht und die Notwendigkeit offener Debatte – Feminismus vs. Biologie? (2)

Nach meinem durch die Linné-Debatte ausgelösten Artikel für das Laborjournal, möchte ich das Thema Feminismus vs. Biologie hier im Blog fortführen und endlich die Rezension der Bücher von Meyer und Kutschera nachholen. Denn „Adams Apfel und Evas Erbe“ und „Das Gender-Paradoxon“ warteten jetzt ein ganzes Jahr auf meinem Schreibtisch darauf, besprochen zu werden.

Ich hatte mich ursprünglich auf die Bücher gefreut, weil mich als Linksliberale und Biologin schon lange stört, dass sich feministische Ziele mit einer ausgeprägten Biologiefeindlichkeit verbunden haben. Doch in den Büchern der beiden Biologen  wartete für mich ebenfalls Enttäuschung. Und ich wusste lange nicht wie ich damit umgehen sollte.

Denn natürlich sind die biologischen Fakten wichtig, aber ich empfand Meyers Ansichten darüber hinaus als rechtsliberal einseitig und Kutscheras Buch als ein konservativ-apokalyptisches Polemikgestrüpp. Und der Doppelfrust über biologieverleugnende Feministinnen und Feminismus-verachtende Biologen senkte meine Motivation mich dazu zu äußern letztes Jahr drastisch.

Doch ich konnte das Thema auch nicht ad acta legen und es quälte mich. Aber inzwischen denke ich, dass die Auseinandersetzung damit mich weitergebracht hat. Sie diente der Klärung, wo ich selbst stehe in der Beurteilung des Konflikts zwischen Feminismus und Biologie. Oder in dem Fall eher: Wo ich nicht stehe.

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Die besten Kinderbücher über Evolution

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In Kurzrezensionen möchte ich euch heute mal die sechs Kinder-Sachbücher über Evolution vorstellen, die es meiner Meinung nach besonders wert sind, euer heimisches Kinderbuch-Regal zu erobern.

Ich dachte, so ein Überblick passt ganz gut, da ich ja  bis Mittwoch noch eins davon bei mir verlose.

Zu den ersten dreien Sachbüchern habe ich schon ausführliche Buch-Besprechungen geschrieben, die ich jeweils auch verlinke. Die drei Darwin-Biografien für Kinder bespreche ich hier aber zum ersten Mal. Diese Bücher rollen die Evolutionsbiologie sehr schön von der historischen Perspektive auf und gehen dabei alle drei weit über das reine Leben und Forschen Darwins hinaus.

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Kinderbücher über Evolution, Teil 2

Dieser Text erschien im April 2015 im gemeinsamen Nachrichten-Portal von web.de, gmx und 1&1. Weil der Blogbereich dort jedoch im April 2018 eingestellt wurde, gibt es den Beitrag jetzt hier im Volltext (vorher waren hier nur Teaser und Link).

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Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich mir mit meinem Großen (inzwischen 10) ein paar Kinderbücher zum Thema Evolution angeschaut. Seitdem sind zwei neue Bücher zum Thema erschienen, die wir euch ebenfalls vorstellen wollen. Diesmal hat auch der Kleine (7) mit reingelesen:

Evolution ist, wenn das Leben endlos spielt

 

Dieses Buch ist meinem Siebenjährigen als erstes aufgefallen – wegen des Karussells auf dem Cover und wegen des Kindes, das auf dem Dino reitet. Es ist der dritte Teil einer Reihe, für die sich die Kinderbuchautorin Gudrun Mebs mit dem aus dem TV bekannten
Astrophysiker Harald Lesch zusammengetan hat.

Im ersten ging es ums Weltall und die Erde, im zweiten um die Philosophie und in diesem dritten nun um die Geschichte des Lebens. Die jungen Leser sollen die Erdzeitalter kennenlernen und die unglaubliche Vielfalt der Arten. Sie lesen Gespräche, in denen diskutiert wird, was lebt und was nicht lebt, und wie sich das, was lebt, von dem unterscheidet, was wir Menschen gebaut haben. Und sie lesen darüber, wie sich Arten ändern und was ihre Umwelt damit zu tun hat.

Ein Ausflug mit dem Fahrrad

Eingebettet sind diese Themen in eine Erzählung. Diese rankt sich um die fünf Kindern Ida, Lisa, Celia, Lucas und Tim. Und dann ist da
der „Prof“, den sich Ida mal als Wissensvermittler zum Geburtstag gewünscht hat und der seitdem mit den Kindern regelmäßig was
unternimmt. Diesmal ist’s eine Fahrradtour.

Als ich etwas aus dem Buch vorlas, kicherte der Kleine hin und wieder. Über Sprüche wie „Hast du Tomaten auf den Augen?“ Darüber, dass die Ursuppe Stinkebrühe genannt wird. Oder weil der „Prof“ zum Ausflug einen Ritterhelm aufhat statt eines Fahrradhelms.

Zu wenig Evolution, zu viel Beziehung

Der Große aber ergriff die Flucht, als ich vorlas. Und als ich ihn später fragte, warum ihm das Buch nicht gefalle, erklärte er, es ginge
darin viel zu viel um den Alltag der Kinder und viel zu wenig um die Sache, also die Evolution selbst. Tatsächlich wird vor und nach den
Ausführungen des Profs darüber, dass Elefanten keine Mäuse zur Welt bringen, und aus einer Rose keine Tomate wird, viel gelacht und gestritten. Gelegentlich muss auch mal einer Pipi.

„Außerdem nervt es, wie die Kinder alle um diesen ‚Prof‘ herumscharwenzeln und ihm gefallen wollen“, meinte mein Großer
augenrollend. Und irgendwie hat er recht. Wenn es in dem Buch mal nicht darum geht, wie es z.B. mit dem Leben auf der Erde mal
angefangen hat, dann geht es darum, welche Beziehungen die Figuren, die darüber diskutieren, zueinander haben. Etwa darum, dass die großen Mädchen konkurrieren, wer von ihnen die wertvolleren Sätze zum Gespräch beitragen kann und damit das anerkennende Nicken vom Prof ergattern kann.

Im Mittelpunkt stehen die Figuren

Auch für mich verblasst die Sache, über die da aufgeklärt werden soll, weil die Psychologie der Figuren im Mittelpunkt steht. Klar wird
darüber geredet, dass die Evolution ständig rumprobiert. Und dass manches davon funktioniert, manches aber auch nicht. Aber mehr
Aufmerksamkeit erhält meinem Eindruck nach das Verhältnis des dicken Tim zu seinem Vater. Wie er ihn bewundert und ständig von ihm spricht, aber gleichzeitig fürchtet, Papas Ansprüchen nicht gerecht werden zu können.

Wer das Buch als Kind mit Genuss lesen will, sollte diese Art von Geschichten mögen. Also welche, bei denen die Innenwelt der Figuren im Zentrum steht. Es gibt eine Menge Menschen, die so was mögen. Aber es gibt eben auch andere, die es nicht mögen. Und mein
Großer gehört definitiv zur zweiten Kategorie. Die Psychologie von Figuren in Geschichten interessiert ihn nur, wenn sie für das
Erreichen ihrer Ziele im Buch irgendwie relevant ist.

Von daher würde ich das Buch nur solchen Kindern empfehlen, für die eine Geschichte auch dann lesenswert ist, wenn in ihr keine
Helden vorkommen, denen Ungewöhnliches passiert, dem sie sich stellen müssen, sondern für die das Ausleuchten alltäglicher,
menschlicher Gefühle, Wünsche und Situationen interessant genug sind. Für meinen Großen ist sowas halt keine Erzählung, sondern so
als würde sich ein Wildfremder neben ihn setzen und ihm ungefragt seine Familienprobleme erzählen. Also nicht nur langweilig, sondern
sogar grenzüberschreitend unangenehm.

Ehrfurcht vor dem Werden und Vergehen

Ich würde also sagen, das Buch eignet sich für Kinder, die sich stark dafür interessieren, was in anderen Menschen vorgeht und warum
sie sich wie genau verhalten. Ob diese Kinder aber viel über Evolution lernen? Da bin ich skeptisch. Dafür ist der Fokus zu sehr auf allem, was menschlich ist. Für mich erscheint es so, dass es den Autoren auch weniger um Wissen geht als um eine bestimmte Haltung.

Für mich klingt es jedenfalls so, dass eine Art Ehrfurcht vermittelt werden soll. Nicht vor Gott. Der kommt nicht vor. Aber vor etwas, das größer ist als man selbst. Ehrfurcht vor den unglaublich langen Zeiträumen, dem Werden und Vergehen, dem ewigen Wandel. Dafür
spricht für mich der Ton, diese emotionale Aufladung.  Es scheint eher um das Verhältnis des Menschen zur Natur zu gehen als darum,
zu ergründen, wie die natürlichen Prozesse genau ablaufen.

Für mich als Biologin hören die Erklärungen dieses Buches immer da auf, wo es doch eigentlich erst interessant werden würde. Vielleicht gibt dieser Ansatz aber genau denjenigen jungen Lesern einen kleinen Einblick in das Thema, die eh nicht so an den naturwissenschaftlichen Details interessiert sind.

Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt

Das aus dem Niederländischen übersetzte „Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt“ erkannte ich auf Anhieb eher als mein Ding. Was den Kindern und mir an diesem großformatigen Buch zuerst auffiel, waren die aufwändigen Illustrationen von Floor Rieder. Sie schmücken nicht nur das Cover, sondern jede der fast 160 Seiten. Sie haben dabei unterschiedliche Funktionen, sind mal mehr Infografik, mal mehr lustiger Comic, prägen das Buch aber durch ihren besonderen, einheitlichen Stil.

Das zweite, was uns auffiel, war die lockere, verständliche Sprache von Jan Paul Schutten. Mein Großer diktierte mir feierlich: „Du musst schreiben: Das Buch ist sehr gut. Es macht Spaß es zu lesen. Die Dinge sind spannend erklärt!“ Und das kann ich voll unterschreiben. Das Buch ist prall gefüllt mit eben jener Art von Wissen, die ich in der Erzählung von Mebs und Lesch vermisst hatte.

Das Buch traut Kindern etwas zu

Und Schutten schafft es, dieses Wissen anschaulich, humorvoll und leichtfüßig zu präsentieren. Er erzählt von Atomen und Zellen, von
Geologie und Fossilien, von Verwandtschaft und Genen, von dem Ursprung und Stammbaum des Lebens, usw.

Und er behandelt dabei nicht nur das, was Kinder mutmaßlich am meisten interessiert – wie etwa, dass die Kohlmeise eine „Großnichte“ des T. rex ist – sondern auch Themen, die für Kinder weniger zugänglich erscheinen, wie die radiometrische Altersbestimmung von Gesteinen, Langzeit-Evolutionsexperimente mit Bakterien oder was Viren-DNA in unserem Genom über uns aussagt. Es gefällt mir, dass Schutten den Kindern das zutraut.

Kinder dürfen Stellung beziehen

Auch bei den heiklen Themen beweist er den Mut, richtig einzutauchen. So geht er etwa der Frage nach, wer die größten
Schwierigkeiten hat, die Erkenntnisse der Evolutionsbiologen zu akzeptieren und erklärt, dass das diejenigen unter den Gläubigen seien, die ihre Schöpfungsgeschichten wortwörtlich verstehen. Gegen die Vorstellungen dieser Kreationisten bezieht er klar Stellung. Er betont aber auch, dass Religiöse, die ihre Überlieferungen sinnbildlich verstehen, weit weniger Probleme haben, ihren Glauben mit dem Wissen der Biologie zu vereinbaren. Und dass diese in der Mehrheit sind.

Schutten fordert die Kinder auf, selbst herausfinden, wo sie in dieser Frage stehen, warnt sie aber davor, dass dabei die Kreationisten
mit falschen Karten spielen, indem sie einseitig nur über solche Informationen reden, die Zweifel säen sollen an der biologischen Sicht der Dinge, aber nie über die große Fülle der anderen, die Evolutionstheorie stützenden Befunde. Nach seiner Erfahrung präsentieren die Wissenschaftler ein vollständigeres Bild. Anders als Kreationisten oft behaupten, hätte er nie erlebt, dass Forscher Fragen, die noch offen sind, zurückhalten oder verheimlichen.

Schutten schreibt mutig

Auch anderen schwierigen Themen stellt Schutten sich mutig. Etwa dem Thema, dass die Natur nicht so ist, wie wir Menschen uns eine
ideale Welt bauen würden. Sehr viele der Tiere, die auf die Welt kommen, sterben gleich wieder. Werden gefressen oder kommen
sonstwie unter die Räder. Das ist etwas, was wir Menschen schwer neutral betrachten können. Und etwas, das auch bei Kindern fast
automatisch zu moralischen Fragen führt.

Schutten spricht das als Problem an, ohne aber dabei zwei weit verbreitete Fehler zu begehen. Weder misst er die Evolution an unseren Wertvorstellungen. Noch vermittelt er andersrum den Eindruck, die Evolution enthalte irgendeine Art moralischer Botschaft für uns. Beides wird ja oft gemacht, führt ideologisch gesehen aber in eher trübe Gewässer. Die eine Frage ist, wie die Natur ist. Eine ganz andere, nach welchen Regeln wir Menschen leben sollen. Es ist unklug, die beiden zu verrühren. Und das tut er zum Glück meist auch nicht.

Fazit: „Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt“ ist für uns alle drei ein sehr gelungenes Kindersachbuch zum Thema Evolution.


 

Alternative für Eilige: Hier die Kurzfassung der beiden Rezensionen:

In beide Bücher kann man bei Amazon reinschmökern . Dazu aufs Coverbild klicken. Diese Links sind Partnerlinks, siehe Werbedisclaimer.

Mebs/Lesch: Evolution ist, wenn das leben endlos spielt


Erzählung, in der es vor allem um Alltägliches, Gefühle und Beziehungen einer Gruppe von Kindern geht. Mit dem „Prof“ wird über Evolution geredet. Aber dabei steht auch eher Menschliches im Zentrum als naturwissenschaftliche Details: viel Ehrfurcht vor dem Kreislauf des Lebens, aber eher wenig Biologie.

Schutten/Rieder: Evolution oder Das Rätsel von allem, was lebt

Evolutionsbuch für Kinder (und Erwachsene), die tiefer in die Fragen einsteigen wollen, wie Evolution tatsächlich „funktioniert“. Gut strukturierte Aufbereitung des Wissens, schöne Illustrationen und ein Text voller Humor und Tiefe. Absolute Kaufempfehlung!

Vielen Dank an die Verlage für das Zusenden von Rezensionsexemplaren der Bücher!


Jedes Buch über Evolution ist anders. Es gibt welche für kleine und große Kinder. Es gibt Geschichten und Sachbücher. Es gibt Bilderbücher und Romane. Hier geht’s zu meiner immer länger werdenden Liste bisher rezensierter Kinder- und Jugendbücher über Evolution.

„Biologisch“ ist nicht dasselbe wie „angeboren“ – Irreführender Titel bei Adrian Raines‘ Zum Mörder geboren

Gerade habe ich entdeckt, dass das Neuro-Kriminologie-Buch, über das ich mich im letzten Jahr so aufgeregt habe, vor kurzem auf deutsch erschienen ist.

Es war ein Anlass mich gleich noch mal aufzuregen. Diesmal über den deutschen Titel, der erstaunlich irreführend ist. Das englische Original heißt „Anatomy of Violence“. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel „Als Mörder geboren“.

Ich verstehe wirklich nicht, wie der Klett-Cotta Verlag dem Buch einen solchen Titel geben konnte. Es ist in dem Buch ja nicht nur von angeborenen Ursachen die Rede, sondern allgemein von biologischen Ursachen von Gewalttätigkeit. Und das ist doch nicht dasselbe!

Natürlich gibt es angeborene Faktoren: genetische und durch Entwicklungsdefekte ausgelöste Störungen. Aber es gibt weitere, ebenfalls biologische Faktoren, die nicht angeboren sind, die eine Persönlichkeit aber ebenfalls gewalttätiger und anti-sozialer machen können: Giftstoffe etwa, die die Gehirnentwicklung während der Kindheit negativ beeinflusst. Oder Hirntumore. Sie sind eindeutig biologisch, ohne dabei jedoch „angeboren“ zu sein.

Wer jetzt noch wissen will, warum das Buch selbst mich aufregte: Das hatte damit zu tun, dass der Autor Adrian Raine sich leider nicht mit der Darstellung der Forschung begnügt, sondern dieses wichtige Thema mit seinen persönlichen Science-Fiction-Ideen zur Verhinderung künftiger Gewalt verbindet. Mehr dazu im Blog-Beitrag Bärendienst für die Neurokriminologie, wo es auch ein Link zu meiner Rezension im englischsprachigen Biologen-Magazin Lab Times gibt.

 

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Mit Verdauungsdetails in die deutschen Bestsellerlisten: „Darm mit Charme“ ist ein Phänomen

Dieser Text erschien im Januar 2015 im gemeinsamen Nachrichten-Portal von web.de, gmx und 1&1. Weil der Blogbereich dort jedoch im April 2018 eingestellt wurde, gibt es den Beitrag jetzt hier im Volltext (vorher waren hier nur Teaser und Link).

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Ich erinnere mich noch gut, wie ich einmal erschreckt aus der Hobbythek wegzappte, weil Jean Pütz von seinen Hämorrhoiden erzählte. Bisher mochte ich es nämlich nicht, wenn Leute außerhalb der engsten Familie mir auch nur irgendwas über ihren Darm mitteilen.

Umso erstaunter war ich, dass das bei Giulia Enders anders ist. Die junge Ärztin durfte mir in ihrem Buch „Darm mit Charme“ nicht nur in aller Breite Dinge erklären, die ich sonst eklig und peinlich finde. Nein, ich fand das auch noch außerordentlich unterhaltsam. Ja, ich kann mich sogar an kein Sachbuch vorher erinnern, bei dem ich so viel gelacht hätte.

Dabei macht Enders keine billigen Fäkalwitze. Es geht ihr um Wissensvermittlung. Sie behandelt Tipps im Umgang mit Darmproblemen genauso wie Grundlagen der Darmfunktion und ungeklärte Fragen der aktuellen Forschung. Aber die Art und Weise wie sie das tut, ist erfrischend anders als in Büchern mit ähnlichem Anspruch.

Der frische Wind erklärt sich aus der Kultur der Science Slams, die sich in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit erfreuen. In diesen Wettbewerben treten Wissenschaftler an, um ihr Forschungsgebiet in möglichst amüsanten Kurzvorträgen vorzustellen. Enders gewann 2012 die Science Slams in mehreren Städten mit ihrer speziellen Gute-LauneMischung aus ansteckender Neugier, naiver Leichtigkeit und entwaffnendem Mädchencharme.

„Darm mit Charme“ funktionierte also schon auf der Bühne und  wurde auch bei Youtube ein Hit. Der Erfolg des Buches zeigte dann „nur“ noch, dass ihr Science-Slam-Stil auch in lang und gedruckt gut ankommt. Er bewies, dass es auch das Sachbuch-Publikum liebt,
wenn über Kot-Konsistenzen, Bakteriengesellschaften und ihre therapeutische Verpflanzung in andere Därme ganz leichtfüßig geplaudert wird.

Sicher gibt es Leute, in deren Augen die Seriosität leidet, wenn flapsig über Medizinisches geredet wird. Wenn eine junge Forscherin blumig über die Wissenschaft der Abführmittel
schreibt oder über die interessante Mechanik des Kotzens oder wie aus Präbiotika Pupse entstehen – und das auch noch mit lustigen Comic-Zeichnungen ihrer Schwester garniert. Öfter aber scheint es den Leuten so zu gehen wie mir, dass gerade dieser Stil ihnen hilft,
sich den Verdauungsorganen mal wohlwollend interessiert zu nähern, statt mit Scheu und Scham.

Schon eine kurze Internetsuche zeigt, dass auch viele Mediziner diesen Abbau von Hemmungen begrüßen. Ein Gastroenterologen-Team lobt das Buch auf ihrer Webseite als „Pflichtlektüre für Darmbesitzer“, Proktologen laden Enders zu ihren Fortbildungsveranstaltungen ein, ein Internist zitiert in seinem eigenen Vortrag ihre geradezu poetischen Beschreibungen der Darmentleerung. Die neue Offenherzigkeit scheint also auch Ärzte zu beflügeln.

Übrigens enthält das Buch auch für Jean Pütz und seine Leidensgenossen Wissenswertes. Enders erklärt darin nämlich auch, welche Sitzhaltung auf dem Klo Hämorrhoiden begünstigt und wie man durch eine mehr hockende Stellung vorbeugen kann. Früher hätte ich vielleicht entsetzt ausgerufen: „Oh, nein, bitte keine Details!“ Aber neuerdings will ich sie doch hören, die Details. Denn sie sind wirklich erstaunlich interessant.

Wie eine Forscherbiografie machte, dass ich mich prüde fühlte, und warum ich sie trotzdem toll finde – Buchbesprechung „Die Neanderthaler und wir“ von Svante Pääbo

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Svante Pääbo legt mit seinem Buch „Die Neanderthaler und wir“ eine überaus lesenswerte Autobiografie vor. Anhand der Entschlüsselung des Neanderthaler-Genoms und weiterer Erfolge der Paläogenetik erfahren Leser viel darüber, wie Forschung funktioniert. Für meinen Geschmack ist das Buch an einige privaten Stellen zwar zu freimütig (auch wenn das jetzt prüde klingt), aber Pääbos Offenherzigkeit sorgt im Rest des Buches für einen so persönlichen, authentischen Ton, dass bei mir als Leserin das tolle Gefühl entstand, die Entwicklung des neuen Faches aus nächster Nähe nacherleben zu können. Wie eine Forscherbiografie machte, dass ich mich prüde fühlte, und warum ich sie trotzdem toll finde – Buchbesprechung „Die Neanderthaler und wir“ von Svante Pääbo weiterlesen

Test der Digital-Gläser von Zeiss

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Heute gibt’s mal ein sommerliches Brillen-Selfie. Denn ich möchte über meine Erfahrungen mit den Zeiss-Digital-Gläsern berichten, die ich seit Anfang des Monats teste. Test der Digital-Gläser von Zeiss weiterlesen

Bärendienst für die Neurokriminologie

Hat Gewalt und Verbrechen biologische Ursachen? Wem bei der Frage schon der Nazi-Alarm geht, hat Recht. Das Thema ist verbrannt. Aber er hat auch Unrecht. Denn die Forschung der letzten Jahrzehnte zeigt, dass wir Ideologie endlich von Wissen trennen sollten. Die Kenntnis medizinisch-biologischer Faktoren sollte – neben den sozialen – eine wichtigere Rolle bei der Kriminal-Prävention spielen als bisher.

Leider tun Neuro-Kriminologen ihrem Feld keinen guten Dienst, wenn sie – statt die Fakten für sich sprechen zu lassen – es schaffen, wirklich alle Vorurteile gegenüber „Biologisten“ zu bestätigen. Paradebeispiel: Psychiater und Hirnforscher Adrian Raine in seinem Buch „Anatomy of Violence“, das ich für die Mai-Ausgabe der Lab Times rezensiert habe (englischsprachigen Magazin mit „News for the European Life Sciences“). Bärendienst für die Neurokriminologie weiterlesen

Wenn Geisteswissenschaftler über Biologie schreiben

Schade! Prechts Buch “Liebe. Ein unordentliches Gefühl” hat mich enttäuscht. Hatte es vor ein paar Wochen als Taschenbuch beim Einkaufen liegen sehen und mitgenommen, weil ich mir eine eloquente Reise in die Natur- und Kulturgeschichte der Geschlechter erhofft hatte. Fand es auch so passend zum Symposiumsbesuch. Im ersten Drittel geht es auch um genau die gleichen Themen: Mann und Frau und ihr Verhalten. Wie viel ist Natur, wie viel ist Kultur? Leider kann Precht dabei seine Prägung als Philosoph und Geisteswissenschaftler nicht überwinden. Man merkt, er bemüht sich um eine unvoreingenommene Sicht. Er ringt mit sich, geht ein Stück in die vermittelnde Richtung, stellt die Pole gegenüber – Soziobiologie auf der einen, feministische Genderforschung auf der anderen, bemerkt, dass beide zu extreme Positionen einnehmen. Aber dann, statt das Verhältnis Natur/Kultur mal aufzudröseln und darzustellen, was wir schon wissen über die Macht beider Sphären und über ihre Wechselwirkungen, schlägt er sich – mir nichts dir nichts, ohne Übergang – auf die Seite der Kultur. Keine Begründung dazwischen, keine Herleitung, nichts. Er ist ganz Geisteswissenschaftler, wenn er resümiert: “Das instinktive Verhalten der Gladiatorfrösche, Grauen Würger und Menschen ist qualitativ nicht das gleiche. Menschen sind von Amphibien und Vögeln völlig getrennt durch die höchst variantenreiche menschliche Kultur.” Man beachte die Formulierung “völlig getrennt”. Die Abscheu der Geisteswissenschaftler davor mit den Tieren gemein gemacht zu werden, ist einfach riesig. Sie spricht auch bei Precht aus jedem Kapitel. Und dieses Unbehagen gegenüber den Biologen! Mal sind sie ihm zu forsch, mal geißelt er ihre unterkomplexen (!) Theorien. Ja, was denn nun? Wenn Geisteswissenschaftler über Biologie schreiben weiterlesen