#symp2015 – Mein Blick auf’s Turm der Sinne – Symposium „Gehirne zwischen Liebe und Krieg“ – Teil 2

TdS Pressebild Symposium 2015 HiRes

Nach dem ersten Teil meiner Gedanken zum diesjährigen Symposium folgt hier der über das zweite Drittel der Veranstaltung – die Vorträge vom Samstag Nachmittag und den Dokumentar-Film am Abend.

Wie immer beim Turm der Sinne-Symposium faszinierte mich, wie unterschiedlich die Perspektiven waren. Bei jedem Programmpunkt ging es um Liebe und Krieg, um Bindungen und um Gewalt. Und doch waren die Ansätze jeweils ganz unterschiedlich. Denn ein Evolutionspsychologe stellt andere Fragen als eine Therapeutin. Und einen Verhaltensforscher interessieren andere Aspekte als eine Neurowissenschaftlerin. Aber für mich trägt jeder Blickwinkel etwas ganz Eigenes zum Verständnis bei.

Selbstopfer – evolutionär paradox?

In seinem Vortrag „Darwins dunkles Erbe – Gewaltsame Zwischengruppenkonflikte in der menschlichen Evolution“ führte Hannes Rusch vorsichtig in die Ideen ein, die sich um das Phänomen der Aufopferung im Krieg ranken. Muss man auf das umstrittene und ideologisch belastete Konzept der Gruppenselektion zurückgreifen, um die Entstehung von Verhaltensmustern zu erklären, die Soldaten dazu bringen, ihr Leben zu riskieren, um ihre Kameraden zu retten?

Rusch meint: Nein. Denn seine eigene Forschung liefert überzeugende Belege für die These, dass die männliche Bereitschaft zu einem solchen Kriegsheldentum durch sexuelle Selektion entstanden sein könnte. Er konnte zeigen, dass Frauen tatsächlich Männer bevorzugen, die in diesem Sinne aufopferungsbereit sind, und dass überlebende Soldaten, die ein solches Verhalten gezeigt haben, auch mehr Nachkommen haben als Soldaten, die es nicht gezeigt haben.

Kann man verlernen gleich zuzuschlagen?

Ihren Vortrag „Denk mal in Trümmern – Gewalt als Zusammenbruch reflexiver Fähigkeiten“ begann Svenja Taubner mit der Feststellung, dass von allen Menschen die 2-Jährigen die aggressivsten seien. Danach werden die meisten von uns friedfertiger. Taubner kümmert sich in Forschung und therapeutischer Arbeit um die wenigen, bei denen das leider nicht der Fall ist.

Dabei geht sie davon aus, dass wir in einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung Gewalt „verlernen“. Dazu muss sich aber –  durch gelungene soziale Interaktion – die Fähigkeit ausbilden zu mentalisieren, also zwischen äußerer Realität und dem eigenen Innenleben unterscheiden zu können. Weil in der Adoleszenz das Gehirn noch einmal sehr plastisch und veränderbar wird, gibt es Hoffnung, eine in bestimmten Punkten gescheiterte Mentalisierungsentwicklung in dieser Zeit nachholen zu können. Taubner machte aber klar, wie schwierig und kleinschrittig sich das dennoch in der Therapie gestaltet.

Was Affen-Pipi verrät

Roman Wittig stellte in seinem Vortrag „Ein guter Freund schützt vor Feinden – Hormonelle und kognitive Grundlagen sozialer Beziehungen bei Schimpansen“ die Ergebnisse seiner Forschung vor, in der er zeigen konnte, wie sich der Effekt der sozialen Fellpflege sowie das Teilen von Nahrung im Oxytozin-Gehalt im Urin nachweisen lässt, wodurch die soziale Verbundenheit, die dadurch erzeugt wird, messbar wird.

Die Affen profitieren von diesen Freundschaften nicht nur durch Verringerung von Stress, sondern auch ganz konkret bei Überfällen durch benachbarte Gruppen. Dabei kommt es nämlich manchmal zu Geiselnahmen und es sind nachweisbar die Freunde, die dann zur Rettung eilen und das Gruppenmitglied aus den Händen der anderen Gruppe befreien.

Ekel-Signale im Hirn sind aufschlussreich

In Anne Schienles Vortrag „Komm mir nicht zu nah! – Neurowissenschaftliche Befunde zu Abstoßendem und Ekligem“ ging es um den körperlichen Abstand, den Menschen zwischen sich als angenehm empfinden. So ist die Art wie wir Annäherung empfinden auch vom Gefühlsausdruck im Gesicht des Gegenüber abhängig. Interessant ist dabei, dass diese gefühlsspezifische Reaktion auf Annäherung bei anti-sozialer Persönlichkeit und psychischen Krankheiten auf charakteristische Art verändert ist.

Bei Borderline-Patientinnen konnte Schienle im Hirnscan sehen, dass sie viel stärker reagieren, wenn sich ihnen angewiderte Gesichtern nähern als gesunde Probanden auf diese Emotion reagieren. Und bei Gewaltstraftätern zeigte sich, dass sie stereotyp bei jeder Annäherung so reagieren als ob sich ihnen ein vor Wut oder Ekel verzerrtes Gesicht nähert – auch wenn es sich eigentlich um ein Gesicht mit anderer Emotion handelte.

Wie man das Böse aus uns herauslockt

Beim letzten Programmpunkt an diesem Tag um 20 Uhr waren die Stuhlreihen wesentlich lichter besetzt als bei den Vorträgen zuvor. Das lag nicht nur an der späten Stunde, sondern auch am harten Stoff, die die Programm-Verantwortlichen dort anboten, denn gezeigt wurde der Film „Das radikal Böse„.

Der – auch auf DVD erhältliche* – Dokumentarfilm von 2013 versucht psychologisch zu ergründen, wie es möglich ist, dass ganz normale junge Männer sich zu Instrumenten eines Genozids machen lassen. Der Film sucht in Interviews mit Forschern und nachgestellten berühmten Psychologie-Experimenten nach der Antwort, unter welchen Bedingungen normale Menschen zu Gräueltaten fähig sind.

Die beklemmende Innensicht dazu liefern Brief- und Tagebuch-Auszüge der Nazi-Einsatzgruppen in Osteuropa, die die Massenerschießungen jüdischer Zivilisten durchführten. Sie erzählen vom anfänglichen Entsetzen, von Scham vor einer Arbeit, die als militärisch nicht ehrenhaft wahrgenommen wird, aber auch von der schleichenden Gewöhnung ans Grauen.

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Die Berichte der Männer zeugen von der Rechtfertigung vor sich selbst und vom Klammern an die Aussagen der Propaganda. Sie zeigen, dass es Männer gab, die darüber verrohten und andere, die daran zerbrachen, aber auch von den vielen, die es schafften psychisch zu funktionieren, während sie systematisch alles jüdische Leben auslöschten – vom Baby bis zum Greis, ein Dorf nach dem nächsten.

Ein erschütternder Film, der deutlich macht, wie wichtig es ist, die Faktoren zu verstehen, die solche kollektive Gewalt begünstigen – um hoffentlich immer erfolgreicher darin zu werden, ähnliche Entwicklungen weltweit zu verhindern.

Hier geht es zum Teil 1 meines Symposium-Berichts und hier zum dritten Teil.

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