Warum die Hunt-Affäre so polarisiert? – Symptome einer verschleppten, tabuisierten Debatte.

Auch Wochen nach dem Fall Hunt lassen mich die von ihm aufgeworfenen Fragen nicht los:

Sind Hunts Äußerungen  nun ein typischer Fall von schmuddeligem Sexismus und wurden zu Recht mit dem Verlust repräsentativer Funktionen beantwortet, weil wir so etwas in unserer Kultur heute nicht mehr dulden?

Oder war im Gegenteil die Reaktion auf seine Äußerungen überzogen und Hunt wurde das Opfer von feindbildgetriebenen Feministinnen, die jegliche Abweichung von ihrer Ideologie mit öffentlicher Demütigung bestrafen?

Feminismus bekämpft Diskriminierung

Ich stimme mit den Feministinnen überein, dass herablassende Sprüche über die angeblich gruppenübergreifenden Eigenschaften von Frauen ein Problem sind. In der Wissenschaft sollte allein zählen, welche Beiträge Forschende zu wichtigen Fragen leisten. Faktoren wie Geschlecht, aber auch Herkunft oder sexuelle Orientierung der Forschenden sollten dabei schlicht irrelevant sein.

Auch das Mittel, zu dem die feministischen Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen gegriffen haben, um Hunts Worte öffentlich anzuprangern, ist eines, das sich in meinen Augen bewährt hat. In der englischen Sprache hat sich dafür der Begriff „to call s.o. out“ etabliert.

Dabei gilt es, öffentliche Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen, wenn bestimmte Äußerungen über eine Gruppe von Mitgliedern dieser Gruppe als verletzend empfunden werden, z.B. als Abwertung von Behinderten, als rassistisch oder eben – wie in dem Fall – als sexistisch. Die öffentliche Abwertung soll solche Äußerungen sanktionieren und gesellschaftlich de-normalisieren.

Dieses Vorgehen hat für uns Frauen viel Gutes bewirkt. Man muss sich nur mal einen der richtig alten James Bond-Film ansehen oder Werbung aus den 50ern und 60ern, um das ganze Ausmaß an Po-Getätschel, Herabsetzung und Bevormundung von Männern zu ermessen, das damals gegenüber Frauen noch als normal galt.

Das zu de-normalisieren sehe ich als ein großes Verdienst des Feminismus‘. Ich bin dankbar, dass der öffentliche Raum für mich heute ein wesentlich offenerer und freundlicherer Ort ist als er es für meine Vorfahrinnen war.

Wer entscheidet, was sexistisch ist und was nicht?

Warum aber bereitet mir dann die Reaktion auf die Hunt-Geschichte solche Bauchschmerzen? Ist sie nicht eine Fortführung dieser guten und wichtigen Arbeit?

Das hängt davon ab, ob ich seine Worte sexistisch finde. Und da weicht mein Urteil  von dem der meisten anderen Feministinnen ab. Zumindest von denen, die sich dazu öffentlich geäußert haben. Obwohl ich nachvollziehen kann, dass viele Leute seine Worte als sexistisch interpretieren, empfand ich selbst sie nicht so. Hunt sagte später, er hätte es „lighthearted“ und selbstironisch gemeint. Und so hatte ich es tatsächlich auch aufgefasst.

Ich würde meine Hand zwar nicht dafür ins Feuer legen, dass meine Interpretation die richtige ist. Es kann natürlich trotzdem sein, dass Hunt tatsächlich ein Sexist ist. Nur folgt das für mich nicht zwingend aus seinen Worten.

Aber der Reihe nach. Was ist eigentlich passiert? Leider gibt es keine Aufnahmen der Veranstaltung, an der er seine folgenschweren Äußerungen machte. Berichten von Teilnehmern zufolge fielen sie als Teil der Einleitung zu seiner eigentlichen Rede. Es heißt, dass er sich (manche sagen augenzwinkernd) gewundert hätte, dass die Veranstalterinnen zu einer Frauenveranstaltung einen Mann eingeladen haben eine Rede zu halten und noch dazu so ein Chauvinisten-Schwein wie ihn. Schließlich hätte er ja diese Probleme mit Frauen.

Und dann, so heißt es, seien in etwa folgenden Worte des Anstoßes gefallen: Drei Dinge passieren, wenn Mädchen im Labor sind. Sie verlieben sich in dich. Du verliebst sich in sie. Und wenn du sie kritisierst, weinen sie. Deswegen, so Hunt – sei er ja auch für geschlechtergetrennte Labore.

Nur ein missglückter Scherz?

Für manche sind diese Worte ein ganz eindeutiger Fall von Sexismus. Für mich sind sie es nicht.

Klar, wenn er mit seinen Worten sagen wollte, dass Frauen schlechter mit Kritik umgehen können als Männer und deswegen für die Forschung weniger geeignet sind, dann ja. Dann sind sie sexistisch. Auch, wenn er damit sagen wollte, dass er Frauen als nichts anderes als potenzielle Sexualpartner sehen kann und damit als Ablenkung für Männer, die damit von wichtiger Arbeit abgehalten werden. Ja, wenn er das meinte, dann sind diese Äußerungen sexistisch.

Aber so hab ich sie eben nicht verstanden. Für mich sind sie ein Beispiel für eine bestimmte Art von auflockernd, humorvoll gemeinter Redefigur. Dabei behauptet man fast melodramatisch, man sei „so ein wahnsinnig schlimmer Mensch“, um dann nur eine ganz kleine, alltägliche Schwäche zu offenbaren. Der Witz liegt normalerweise in der Diskrepanz zwischen beide Aussagen.

Wenn ich mit dieser Interpretation seiner Worte richtig liege, heißt das, dass er diese Probleme als einzelne, persönliche Erlebnisse ansieht, die man theoretisch als Schwäche ansehen könnte, die er aber als so kleine Schwäche ansieht, dass er sie erzählen kann, weil sie verzeihlich und menschlich ist. Ja, die ihn sogar sympathisch wirken lassen kann.

Meiner Meinung nach war seine Intention damit sogar zu zeigen, dass er eben kein „schlimmer Mensch“ ist, also kein Chauvinist. Denn, wenn das Schlimmste, was man sich selbst vorwerfen kann, ist, dass man  nicht damit umgehen kann, wenn Frauen weinen und dass man sich schon mal in eine Kollegin verliebte und sie sich in einen, dann kann man kein so schlechter Kerl sein.

Dachte er. Und irrte sich gewaltig.

Sind Scherze über Sexismus besonders sexistisch?

Heißt das, dass ich die Reaktion für ein reines Missverständnis halte? Dass er nur von sich versuchte zu reden und aus Versehen etwas sagte, was als beleidigend für eine ganze Gruppe angesehen werden kann?

Nein, nicht ganz. Es kommt noch etwas anderes hinzu. Ich denke nämlich, dass sich auch unter den Frauen, die seine Worte so verstanden haben wie ich, viele über ihn geärgert haben. Denn Sexismus gilt – genauso wie Rassismus – als nichts, worüber man Scherze machen kann.

Den Blick, den diese Frauen (und Männer) auf die Sache haben, ließe sich so zusammenfassen: Wenn Sexismus der bittere Ernst hinter der systematischen Diskriminierung eines ganzen Geschlechts ist, dann kann er kein Thema sein, bei dem man scherzhaft kleine Schwächen offenbaren dürfte. Vor allem als Mann nicht. Es ist im Gegenteil so, dass man besser jedes Körnchen einer solchen Regung für sich behält und sehr hart daran arbeiten sollte, ein besserer Mensch zu werden.

Der Gedankenstrang geht so weiter: Selbst wenn es eine sehr milde Formen von Sexismus sein sollte, so verharmlost man mit einem Scherz den Sexismus als Gesamtsystem. Man stützt das alles durchwuchernde Pilzgeflecht der Diskriminierung. Ein Geflecht aus falschem Denken, das ständig  Pilzkörper in Form von Äußerungen und Handlungen treibt, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen, um das darunter liegende Denken zurückzudrängen.

Wie viel Weltbild steckt hinter der Entscheidung für einen Scherz?

Innerhalb dieser Koordinaten weitergedacht, heißt das: Wenn jemand – trotz des offensichtlichen Ernstes des Themas – meint, Witze über Sexismus machen zu können, drängt sich stark die Vermutung auf, dass dahinter ein vom Feminismus abweichendes Weltbild steckt. Ja, mehr noch. Jemand der Scherze über Sexismus macht, scheint die feministische Sicht der Dinge noch nicht mal zu respektieren.

Diese Schlussfolgerung beschäftigte auch mich. Kann man von so einer Humor-Verfehlung aufs Weltbild schließen? Auch mir stellte sich die Frage: Wie konnte Hunt in dieser heutigen Welt leben und nicht wissen, dass solche Äußerungen zumindest heikel sind? Kurzzeitig fragte ich mich daher: Hat er vielleicht aufgrund seines Alters das Fingerspitzengefühl dafür verloren, worüber man öffentlich Scherze machen kann und worüber nicht?

Andere Äußerungen von Hunt machten jedoch deutlich, dass seine Worte kein Versehen waren und auch nicht Zeichen von schwindenden Geisteskräften, sondern dass Hunt tatsächlich Differenzen mit dem heute vorherrschenden feministischen Weltbild hat.

Den Beleg liefert sogar Lab Times (eine englischsprachige Zeitschrift für europäische Laborbiologen, für die ich auch hin und wieder schreibe). In einem Interview mit Hunt , das ein Jahr früher, im April 2014 erschienen war, wurde er gefragt: „In your opinion, why are women still under-represented in senior positions in academia and funding bodies?“. Er antwortete:

I’m not sure there is really a problem, actually. People just look at the statistics. I dare, myself, think there is any discrimination, either for or against men or women. I think people are really good at selecting good scientists but I must admit the inequalities in the outcomes, especially at the higher end, are quite staggering. And I have no idea what the reasons are. One should start asking why women being under-represented in senior positions is such a big problem. Is this actually a bad thing? It is not immediately obvious for me… is this bad for women? Or bad for science? Or bad for society? I don’t know, it clearly upsets people a lot.

Als dieses Beweisstück in der Hunt-Debatte auftauchte, erinnerte ich mich sogar, dieses Interview damals gelesen zu haben. Ich hatte zwar ganz vergessen, dass Hunt es war, der da interviewt worden war, aber ich erinnerte mich sofort, beim damaligen Lesen dieser Antwort gestutzt und gedacht zu haben: „Whoa, der traut sich aber was! Das ist ein ganz schönes Tabu, an das er da rührt.“

Das Tabu um den Frauenanteil

In Frage zu stellen, ob die Unterrepräsentation von Frauen in den Naturwissenschaft heute wirklich noch von Diskriminierung verursacht wird, gilt vielen ja selbst als eine anstößige, sexistische Meinung. Im Nachhinein und sozusagen aus PR-Sicht betrachtet war Hunt daher mit einer solchen Ansicht schon länger eine wandelnde Zeitbombe.

Aber ist diese Meinung wirklich gleichbedeutend mit Sexismus? Also mit einer Abwertung der Frau?

Für mich? – Nein. Jedenfalls nicht notwendigerweise.

Es gibt natürlich Leute, die den Zusammenhang zwischen geringem Frauenanteil und Diskriminierung aus sexistischen Gründen leugnen. Weil sie den geringen Frauenanteil stattdessen auf eine Unterlegenheit der Frau zurückführen. Aber es gibt eben auch viele Leute, die diesen Zusammenhang aus nicht-sexistischen Gründen in Frage stellen. Etwa, weil für sie die Evidenz nicht ausreichend ist, um diese Schlussfolgerung zu ziehen.

Das heißt nicht, dass ich Hunt in allem zustimme. Für mich ist klar, dass es Diskriminierung gegen Frauen immer noch gibt. Aber ich frage mich auch schon lange, ob diese wirklich so groß ist, wie vom Feminismus meist angenommen wird. Denn für mich gibt es neben Diskriminierung noch offensichtliche, andere Gründe, die zu einem geringen Frauenanteil in bestimmten Berufsfeldern und Karrierestufen führen können. Wie etwa, dass sich Frauen und Männer im Schnitt (!) einfach für etwas andere Dinge interessieren. Aufgrund der Plausibilität solcher anderen Gründe scheint es mir geradezu absurd von dem Geschlechterverhältnis direkt auf das Ausmaß an Diskriminierung zu schließen.

Sprich: Für mich sind Hunts Ansichten in dieser Sache zwar extrem, aber trotzdem vielleicht ein notwendiger Tabubruch, um eine überfällige Debatte darüber in Gang zu bringen, welche Ursachen ein geringer Frauenanteil noch haben kann und wie man das Wirken dieser Gründe von Diskriminierung unterscheidet.

Aber ist es für die Mehrheit heutiger Feministinnen vorstellbar, dass es Geschlechtsunterschiede im Verhalten auch in einer Welt ohne Diskriminierung gibt? – Nein.

Und das ist ein Problem.

Ich dagegen erwarte, dass es auch in einer diskriminierungsfreien Welt Geschlechtsunterschiede im Verhalten geben wird. Es wird – wie jetzt auch – natürlich Frauen und Männern geben, die genau das Gleiche wollen und anstreben. Aber statistisch gesehen wird man meiner Ansicht nach immer Unterschiede sehen zwischen der Gruppe der Frauen und der Gruppe der Männer. Und das ist für mich auch überhaupt kein Problem.

Diskriminierungsfrei bedeutet für mich nämlich nicht, dass bei beiden Gruppen das gleiche rauskommen muss. Im Gegenteil. Ziel ist für mich nur, dass die möglichen Rollen jeder Frau nicht aufgrund ihres Geschlechts vorbestimmt sind, sondern sich individuell aus ihrer ganz persönlichen Mischung an Talenten, Präferenzen und Prioritäten ergeben. Und dass das gleiche für jeden Mann gilt.

Der Unterschied zwischen Hunts Denken und meinem ist vielleicht nur, dass er meint, dass wir schon in dieser diskriminierungsfreien Gesellschaft angekommen sind. Während ich meine, dass wir noch auf dem Weg dahin sind.

Was, wenn die Naturwissenschaften gar nicht so frauenfeindlich sind?

Welche Rolle spielen diese Art von Annahmen über die Welt für die Bewertung von Hunts skandalträchtigen letzten Äußerungen? – Ich denke eine sehr große.

Der Mainstream des Feminismus‘  geht davon aus, dass sich echte Gleichberechtigung darin zeigt, dass sich in allen Bereichen des Lebens ein Geschlechterverhältnis von 50-50 einpendelt. Bei einem Ungleichgewicht in der Geschlechterverteilung wird dementsprechend davon ausgegangen, dass es allein von schädlichen Geschlechterstereotypen und Diskriminierung verursacht wird.

Je stärker das Ungleichgewicht ist, desto stärker muss nach dieser Theorie also auch die ihr zugrundeliegende Diskriminierung sein. Wenn es in bestimmten Karriere-Ränge oder sogar ganzen Berufszweige fast ausschließlich Männern gibt, dann gelten diese allein deswegen schon als besonders feindselig Frauen gegenüber.

Für mich erklären diese Annahmen des Feminismus‘, warum auf den Hunt-Fall so stark reagiert wurde. Der geringe Anteil an Frauen in den Naturwissenschaften ist in den Augen des heutigen Feminismus‘ Beweis genug, dass diese Forschungsrichtungen ein Hort der Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung sind.

Diese monokausale Deutung des Geschlechterverhältnis‘ ist für mich Hauptursache dafür, dass auch eher vage und umstrittene Beispiele für Sexismus‘ – wie die Worte von Hunt – als Spitze eines riesigen Eisberges behandelt und mit einem Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft werden.

Aber der Fall Hunt erscheint fundamental anders je nach Weltbild, also je nach dem, ob wir das Ausmaß der Diskriminierung nun für riesig halten oder für völlig überschätzt. Für die einen ist Hunt die Spitze eines unsichtbaren Eisberg an Frauenfeindlichkeit in den Naturwissenschaften. Für die anderen dagegen ist er ein Symbol für die Strafe, die den erwartet, der die Existenz des lediglich imaginierten Eisbergs in Frage stellt.

Und für mich? Für mich ist die Polarisierung der Meinungen bei dem Fall Hunt ein deutliches Symptom für eine längst überfällige Debatte. Um diese zu führen müssen wir jedoch das Tabu aufgeben, das diese Fragen umgibt. Vielleicht können wir dann rausfinden, wie groß der Eisberg tatsächlich ist. Auf der Basis von Fakten statt logischen Kurzschlüssen.

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11 Gedanken zu „Warum die Hunt-Affäre so polarisiert? – Symptome einer verschleppten, tabuisierten Debatte.“

  1. Also wenn die 50:50 Relation ein beispiel für Frauendiskriminierung sein soll, dann wäre sie ja auch ein beispiel für Männerdiskriminierung (andersherum). Es wird immer Berufe geben, wo es mehr Frauen gibt und andersherum. Das kann sich auch im Laufe der Zeit ändern (z.B. gab es früher mehr Zahnärzte, heute mehr Zahnärztinnen bei den Studenten). Bei Müllmännern gibt es praktisch keine Frauen. Ist das Diksriminierung?

  2. Interessant in diesem Zusammenhang der Kommentar einer ehemaligen Mitarbeiterin von Hunt – sie lobt ihn in den höchsten Tönen. Er hat sie immer unterstützt und gefördert.

    http://www.nature.com/news/judge-by-actions-not-words-1.17823

    Natürlich werden Frauen in der Wissenschaft benachteiligt. Und ja – das ist ein Problem. Aber die Ursachen sind strukturell, offener Sexismus ist mir jedenfalls nie begegnet.

    Tim Hunt so an den Pranger zu stellen, das ist mehr als unglücklich. Es zeugt von Ignoranz und Desinteresse gegenüber den tatsächlichen Umständen. Damit wurde der Debatte ein Bärendienst erwiesen.

    1. Danke für den Link. Den Text kannte ich noch nicht. Ist gleich in mehrfacher Hinsicht interessant. Errico bestätigt, dass es nicht das erste Mal ist, dass Hunts Art von Humor Menschen vor den Kopf stößt. Die Unterstützung und Förderung , die sie beschreibt, kann man aber nur als ungewöhnlich gut ansehen.

      Und dann das: Obwohl er sie als talentiert ansah und ihr eine Gruppenleitung zutraute, entschied sie sich gegen eine Karriere in der Wissenschaft und für eine Stelle als Editor. Was – wie ich vermute – sicher nicht unerheblich damit zu tun hatte, dass sie ein Kind bekommen hatte.

      Es ist ein hervorragendes Beispiel um zu diskutieren, was das Ausscheiden dieser talentierten Frau aus der Wissenschaft nun verursacht hat. Hat sie sich „nur“ für einen anderen Job entschieden hat, der besser zu ihren persönlichen Prioritäten im Leben passt? Oder war Sexismus am Werke, auch wenn sie keinen sieht, sondern sich im Gegenteil sogar besonders gefördert gesehen hat?

      Meine Frage ist: Wie unterscheiden wir das? Im Moment, habe ich das Gefühl, unterscheiden wir das gar nicht. Und das ist ein Problem.

    2. Meine Meinung: Es handelt sich bei Errico um eine offenkundig hochintelligente und sensible Frau, die ihre eigene Meinung gut vertreten kann. Wenn sie keinen Sexismus gesehen hat – dann war da auch keiner!

      Sexismus ist ein Problem, das – auch das ist wieder nur meine persönliche und begrenzte Erfahrung – mit dem Abtritt der Professoren alten Stils sich weitgehend von allein erledigt. Oder zumindest deutlich in die zweite Reihe tritt.

      Der eigentliche Punkt: Wissenschaft und Familie sind kaum vereinbar. Männer und Frauen ziehen aus dieser Erkenntnis nur jeweils einen anderen Schluss. Meist zumindest.

    3. Gibt es Frauen, die das Zeug hätten und auch Karriere machen wollen, aber deren Leistungen nicht gesehen und gewürdigt werden, weil es einen Bias gibt, der sie benachteiligt? – Klar, gibt es die.

      Und gibt es Frauen, die genauso das Zeug dazu hätten, die im Gegensatz zu den Anderen sogar gesehen, gewürdigt und gefördert werden, die aber aus ganz persönlicher Präferenz gar kein Interesse an einer Karriere in den Naturwissenschaften haben? – Klar, gibt’s die.

      Für mich fängt jede Art von Diskussion über Frauen und Diskriminierung erst an, wenn wir sauber zwischen diesen Fällen unterschieden haben.

      Das ist leider meist nicht der Fall. Auf beiden Seiten der Debatte nicht. Die einen tun so als würden alle Frauen aus ersteren bestehen und die anderen als würden alle aus letzteren bestehen. Beides entspricht nicht der Wahrheit.

  3. Ich finde das wieder mal einen sehr guten Blogbeitrag. Ich persönlich halte es für sehr wichtig darüber zu sprechen, wie sich bezüglich der einen Gruppe (Frauen, welche das Zeug dazu haben, sich aber gegen Karriere entscheiden) die Rahmenbedingungen immer mehr dahingehend ändern lassen, dass eben Wissenschaft und Familie NICHT mehr unvereinbar sind. Und somit weder Frauen noch Männer daraus ihre Entschlüsse gegen das eine oder andere ziehen müssen. Ich finde es so saumäßig wichtig, dass es Wissenschaftlerinnen gibt und dass diese Kinder bekommen!

    1. Ich finde es wichtig, dass Frauen, die Wissenschaftlerinnen werden wollen, die gleichen Chance haben. Dazu gehört auch gute Kinderbetreuung. Und da liegt noch einiges im Argen.

      Aber der Umkehrschluss ist deswegen nicht zwingend richtig. Wenn eine Frau sich gegen Karriere, gegen eine Vollzeitstelle oder sogar ganz gegen Erwerbsarbeit entscheidet, kann das daran liegen, dass die Kinderbetreuung vor Ort zu schlecht ist. Es kann aber auch einfach daran liegen, dass ihre persönliche und Familiensituation es erlaubt, dass sie sich bewusst aus freien Stücken für ein Leben entscheidet, dass für sie attraktiver ist.

      Dieses andere Leben kann so aussehen, dass sie ihre Kinder in größerem Umfang selbst betreut. Aber auch, dass sie Kinderbetreuung in Anspruch nimmt,in der Zeit dann aber andere Projekte verfolgt. Sich als Künstlerin weiterentwickeln will. Sich um kranke und alte Verwandte mit kümmert. Im Familienunternehmen zuarbeitet, wenn dort Not am Mann ist. Es kann heißen, dass sie sich in einem Bereich ehrenamtlich engagiert, den sie wichtig findet. Oder, dass sie sich versucht in etwas einzuarbeitet und etwas aufzubauet, was später Geld bringen soll und z.B. in eine Selbständigkeit münden soll.

      Es gibt tausend ganz legitime, normale Gründe sich gegen Karriere zu entscheiden, gegen eine Vollzeitstelle oder sogar ganz gegen Erwerbsarbeit. Für Frauen und Männer übrigens. Ich finde es irreführend, wenn diese Entscheidungen mit Diskriminierung und strukturellen Hindernissen in einen Topf geworfen werden.

    2. Absolut. Ich spreche auch explizit von denen, die gerne im Beruf weitermachen UND für die Familie dasein möchten. Kinderbetreuung ist eine Sache, eine wichtige. Die andere, und die finde ich die noch spannendere, ist, wie sich Arbeitgeber darauf einlassen können, durch unterschiedliche Dinge die Arbeit so zu flexibilisieren, dass man besser beides managen kann. Führungspositionen und Fachpositionen in Teilzeit, homeoffice, flexible Arbeitszeiten und einiges mehr. Es muss hier noch innovativere Dinge geben. Was, weiß ich auch noch nicht genau. Ich persönlich glaube diese Dinge müssen die Zukunft prägen, damit die Chancen wirklich gleich verteilt sind.

    3. Ich weiß nicht. Flexibilisierung klingt immer gut. Aber in der Praxis scheint sie mir oft einfach dazu zu führen, dass sich die Leute noch mehr überfordern als eh schon. Beispiel: Frau darf früher gehen, weil das Kind im Kindergarten Fieber bekommen hat, weil sie sagt, sie mache den Rest im Homeoffice. Dann versorgt sie die nächsten Stunden ihr Kind. Hält es, wenn es spucken muss. Wechselt zweimal Bettwäsche und Laken. Kocht Tee. Streichelt. Tröstet. Singt. Liest vor. Und schläft um 11 Uhr abends schließlich erschöpft neben dem unruhig fiebernden Kind ein. Was nützt ihr da die Flexibilität, die liegengebliebene Arbeit auch zu Hause weiter machen zu können? Wann genau soll sie sie erledigen?

      Nein, ich glaube, es gibt nur zwei Alternativen:

      • Entweder deine Familie ist erste Priorität. Dann suchst du dir am besten einen Job, in dem du Kollegen hast, die für dich einspringen können (und müssen), wenn du wegen der Familie ausfällst, oder einen, wo die Arbeit einfach mal liegenbleiben kann.
      • Oder du willst Karriere machen. Dann muss dein Job erste Priorität haben und z.B. für Krankheitsfälle bei den Kindern jemand anders zuständig sein. Dein Partner, deine Mutter oder die Kinderfrau.

      An andere Konzepte glaube ich nicht mehr seit ich Kinder habe.

  4. In Bezug auf eine Karriere in den Naturwissenschaften gab es zu dieser Frage vor ein paar Jahren einen sehr aufschlussreichen Artikel von Sozialwissenschaftlern, die die Gründe erforschen, warum mehr Frauen als Männer den Karrierepfad zur Professur wieder verlassen:

    When Scientists choose motherhood
    http://www.americanscientist.org/issues/feature/2012/2/when-scientists-choose-motherhood/1

    Der Text ist übrigens von den gleichen Forschern, die jetzt für die Studie angegriffen werden, in der sie fanden, dass es an einem Punkt der Karriere in den USA heute sogar einen Vorteil von Frauen gegenüber gleichqualifizierten Männern gibt: http://www.spsp.org/blog/strong-preference-for-hiring

    Das sind übrigens keine Forscher, die die Existenz von Diskriminierung leugnen. Im Gegenteil. Sie wollen nur genau trennen zwischen Diskriminierung und den anderen Faktoren, die zu einer Unterrepräsentanz von Frauen in manchen Disziplinen und Karriere-Stufen beitragen.

  5. Andere Links zur wichtigen Unterscheidung zwischen Sexismus und anderen Gründen für einen geringen Frauenanteil, die ich schon über Twitter empfohlen habe:

    Are scientific claims of sexism in science overstated? von Claire Lehmann
    https://www.psychologytoday.com/blog/rabble-rouser/201507/the-sexism-in-science-controversies

    „The real reason there aren’t more female scientists“ – Factual Feminist Video von Christina Hoff Sommers vom Juni 2014 https://youtu.be/l-6usiN4uoA

    Und für die Meta-Ebene hier ein Vortrag von vor ein paar Jahren von Jonathan Heidt , der unter anderem ausführt, warum uns die Dominanz von „Sex difference deniers“ in den Sozialwissenschaften ähnliche Sorgen machen sollte wie es eine Dominanz von Kreationisten-Forschern in der Evolutionsbiologie auch tun würde.

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