Radikaler Tierschutz ist nicht der beste Tierschutz

Für einen radikalen Gegner aller Tierversuche mag meine Haltung zum Thema ein Beispiel dafür sein, wie ekelhaft abgebrüht und herzlos die Menschheit an sich doch ist. Ich aber denke, dass der von manchen ersehnte Erfolg des radikalen Tierschutz in Deutschland den Versuchstieren ironischerweise einen Bärendienst  erweisen würde. – Eine Antwort auf den gestrigen Kommentar von Harald von Fehr auf meinem Beitrag Wenn Tierschutz anti-demokratisch wird:

Es tut mir leid, dass Sie so heftig abgestoßen werden von meinen Ansichten. Wenn ein Thema so starke Emotionen hervorruft, ist eine Diskussion oft schwierig. Wenn allein die Vorstellung, Tiere für Versuchszwecke zu nehmen, Ihre Grenzen überschreitet, wird es sicher schwierig sein für Sie, meine Position zu verstehen. Aber ich versuche es trotzdem.

Es ist nicht so, wie sie mir unterstellen, dass ich für das Mitempfinden gegenüber Tieren unempfindlich wäre. Überhaupt nicht. Nicht kalte Herzlosigkeit ist Ursache für unsere unterschiedliche Betrachtung. Bei mir liegen nur die Grenzen an einer etwas anderen Stelle als bei Ihnen und meine Schlussfolgerungen sind andere.

Doch, auch ich empfinde Ekel vor Menschen, die Tiere aus Spaß quälen. Vor Leuten, die lachen und es witzig finden, wenn andere Wesen leiden. Und deshalb ist unnötige Grausamkeit bei der Nutzung von Tieren mir auch zutiefst zuwider.

Was bei mir aber wohl anders ist: Ich finde es ok, dass  Tiere überhaupt genutzt werden. Etwa Nutztiere. Dass sie gehalten und auch geschlachtet werden. Ich habe dort die Erwartung, dass alle Beteiligten ihr Handeln so gestalten, dass es den Tieren vom Beginn ihres Lebens bis zu Ende so gut geht, wie es unter den Umständen möglich ist.

Aber mit „diesen Umständen“ ist gemeint, dass mir sehr bewusst ist, dass die Haltung dieser Tiere in erster Linie unseren Menschen-Interessen dient. Für mich erwächst daraus eine große Verantwortung.

Und bei den Tierversuchen verhält es sich für mich analog. Nur dass wir in dem Fall keine Eier, Milch oder Fleisch von den Tieren gewinnen, sondern wissenschaftliche Erkenntnisse. Auch da habe ich die Erwartung, dass alles getan wird, dass diese Tiere ein so gutes Leben führen können, wie es unter den Umständen des jeweiligen Versuchs eben möglich ist. Bei manchen Versuchen ist das einfacher, bei manchen schwieriger.

Ich weiß, dass das für alle, die Tierversuche generell ablehnen, schrecklich und zynisch klingt. Genauso wie Veganer meine Haltung zu Nutztieren schrecklich und zynisch finden werden. Ich will auch niemandem sein Recht absprechen empört und aufgebracht zu sein, weil seine moralischen Grenzen verletzt sind und er das grundsätzlich ablehnt. Das wäre ja anmaßend von mir. Aber ich stelle in Frage, ob deutsche Fundamentalopposition wirklich der Weg ist, der – zu Ende gedacht – den Tieren am meisten nützen würde.

Aber bevor ich das ausführe noch mal zur Demokratie: In einer pluralistischen Gesellschaft wird es beinahe so viele Abstufungen von Grenzen in verschiedenen Bereichen geben, wie es Menschen gibt. Für den einen ist dieses noch ok, für den anderen schon gar nicht mehr. Und in einer Demokratie sind die Regeln darüber, was wir dürfen und was nicht, eben etwas, was sich durch Mehrheiten entscheidet.

Und weil das in einer Parteien-Demokratie vielleicht weniger der Fall ist, als es in einer direkten Demokratie wäre, würde mich ehrlich und ernsthaft interessieren, was rauskäme, wenn man das Volk darüber abstimmen lassen würde, welche Dinge wir mit Tieren dürfen sollen und welche nicht. Ich wäre absolut dafür. Ich bin allgemein für mehr Elemente von direkterer Demokratie.

Ich glaube aber nicht, dass es nach direkter Abstimmung eine Abkehr von Tierversuchen gäbe, zumindest keine vollständige.  Ich denke, dass viele Leute in ihrer Entscheidung beides abwägen würden – moralische Fragen und den möglichen Nutzen der Versuche. So unwohl vielen Leute beim Gedanken an Tierversuche ist, so ist den meisten doch klar, dass es  ohne sie einen überwältigenden Anteil an medizinischem und biologischem Wissen heute nicht gäbe.

Heißt das, das Tierversuche immer den Nutzen haben, den wir uns wünschen?

Nein, natürlich nicht. Wie jede Forschung ist auch die mit Versuchstieren immer eine Reise ins Ungewisse. Die Forscher können nie vorher wissen, ob der jeweilige Versuch sie voranbringen wird. Sie hoffen, dass ihre Experimente ihre Fragen beantworten, aber das tun sie nicht immer. Und auch wenn medizinisch relevante Erkenntnisse gewonnen werden, ist vorher nie klar, ob sie auch auf den Menschen übertragbar sind. Oft genug ja. Manchmal nein.

Wenn man sich einzelne Versuche anschaut, dann erscheinen die, wo die Forscher noch im Dunkeln tappen und kaum was rauszukommen scheint, natürlich grausam und sinnlos. Aber im Nachhinein, im Abstand von ein, zwei Jahrzehnten wird klar, dass doch Ansätze dabei waren, die Licht ins Dunkel gebracht haben. Forschung ist eben ein aufwändiger, schwieriger Lernprozess, der unvermeidbar zwischendrin auch in Sackgassen führt.

Wahrscheinlich gab es auch schon am Anfang der Entwicklung im 17. Jh Leute, die die Tierversuche grausam und unnütz fanden, mit denen Harvey den Blutkreislauf erforschte. Wie er Blutgefäße und das Herz beim lebendigen Tier punktierte, „nur“ um rauszufinden, wie und wann genau das Blut spritzt. Ist das ekelhaft und sadistisch? Das sehen wahrscheinlich viele so.

Aber eins waren diese Versuche ganz sicher nicht: unnütz. Denn die Ergebnisse seiner Versuche haben die Medizin revolutioniert. Es war keine Naja-Schulterzucken-Erkenntnis à la „dann zirkuliert das Blut im Körper halt und wird nicht immer neu gebildet, wie wir vorher dachten – wen interessiert’s?“, sondern es warf eine ganze Weltsicht über den Haufen. Antikes überliefertes Wissen, das einfach nicht stimmte. Erst durch diese Tierversuche wurde letztlich klar, wie absurd Therapieverfahren wie der Aderlass sind. Die ganze antike Säftelehre stand dadurch zur Disposition.

Und so war es seither oft. Genaues Studium der Strukturen und beobachtbare Folgen ihres Wirkens führten zu Hypothesen über Funktionen. Und diese Hypothesen werden mit Tierversuchen überprüft. Und das auf ganz unterschiedlichen Struktur-Ebenen. Früher ging es um die Funktion ganzer Organe, um Nerven, Adern, Muskeln, dann um Krankheitserreger und das Immunsystem, um Enzyme und Hormone. Heute fragen die Forscher vor allem nach der Funktion einzelner Zellen, einzelner Gene und molekularer Signale. Im gesunden Körper und im Krankheitsgeschehen.

Aber damals wie heute sind Tierversuche nötig, um zu überprüfen, ob es wirklich stimmt, was man sich aufgrund der Beobachtungen zusammengereimt hat. Es ist wirklich erstaunlich, wie oft selbst die plausibelsten Erklärungen für Prozesse einfach nicht stimmen, wenn man sie überprüft. Was immer wieder zeigt: Beobachtungen allein reichen nicht!

Und nun zu dem Punkt, warum ich glaube, dass radikaler Tierschutz letztlich nicht der beste Tierschutz ist:

Man kann aus moralischen Gründen komplett „nein“ sagen zu Tierversuchen und man kann das in deutsche Gesetze gießen, wenn man eine Mehrheit zusammenkriegt. Aber es muss einem klar sein, dass eine völlige Abkehr von Tierversuchen in Deutschland nicht dazu führen würde, dass diese gar nicht mehr gemacht werden. Eine Abkehr in einem einzelnen Land wie Deutschland würde nur dazu führen, dass sie anderswo stattfinden. Und weil der Standard beim Tierschutz in Deutschland sehr hoch ist, wird an diesem anderen Ort der Anspruch an das Wohlergehen  der Tiere während der Versuche womöglich sehr viel niedriger sein.

Deswegen meine ich, dass Fundamentalopposition – auch wenn sie aufrechter, edler und konsequenter wirkt – letztlich ein Bärendienst wäre an den Versuchstieren. Und dass jeder, der stattdessen Geld und Zeit darin investiert, dass möglichst viele Tierversuche durch Alternativen ersetzt werden und dass die Belastungen in anderen, nicht ersetzbaren Versuchen geringer werden, nüchtern betrachtet wesentlich mehr dafür tut, dass Tierleid verringert wird.

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