„Ihr wechselwarmen Frauen!“

Temperaturregulation
Es gibt Gründe, warum ich meinen Mann gern in dem Glauben lasse, seine Temperaturregulation funktioniere besser als meine

Dieser Text erschien zuerst bei web.de und gmx.

„War es soo kalt im Keller?“ fragt mein Angetrauter mit dem üblichen Grinsen, als er meine eiskalte Hand berührt. Ich entgegne geduldig: „Aber ich hab doch die nasse Wäsche anfassen müssen, um sie aufzuhängen.“

Dass meine Gliedmaßen durch jede Berührung mit Kaltem sofort runtergekühlt werden und vor allem für erstaunlich lange Zeit eiskalt bleiben, ist stets wieder Anlass für liebevolle Neckerei hier zu Hause. Am Ende dieser kleinen Unterhaltungen lacht mein Mann stets, schüttelt den Kopf und bringt seinen Lieblingsspruch zum Thema: Ihr wechselwarmen Frauen!

Das wäre der ideale Anlass für die zickige Biologen-Klugscheißerin im mir mal anzumerken, was wechselwarm eigentlich bedeutet. Mein Vortrag über die Temperaturregulation würde betonen, dass leicht abkühlende Gliedmaßen kein gutes Kriterium ist für die Unterscheidung von wechsel- und gleichwarmen Lebewesen ist. Ich würde vielleicht sogar beleidigt anmerken, dass ich – wie alle gleichwarmen Vögel und Säugetiere – sehr wohl in der Lage bin, meine Kerntemperatur zu halten.

Wenn es nämlich heißt, wir Mensch seien gleichwarm und hielten unsere Temperatur auf 37,5° C, heißt das nur, dass wir unser Körperinneres konstant warm halten. Ob wir Fieber haben, messen wir deswegen ja auch wo? Genau: möglichst im Körperinneren. Lebenswichtige Organe wie Hirn, Herz oder Lunge brauchen es exakt 37,5°C warm, um ihre Dienste ordnungsgemäß zu verrichten. Würden sie runterkühlen, wäre die Funktion der Enzyme in den Organen eingeschränkt und unsere Lebensfähigkeit bedroht.

Wechselwarme Tiere überleben die Temperaturschwankungen der inneren Organe übrigens nur durch Enzymvielfalt. Für ein und dieselbe Funktion haben sie mehrere Enzyme in petto – für jeden Temperaturbereich ein anderes. Auch eine interessante evolutionäre Strategie.

Aber – wie gesagt – meine Kerntemperatur ist ganz brav konstant. Und dass meine Hände und Füße so leicht auskühlen, ist mitnichten ein Zeichen, dass etwas schief läuft. Im Gegenteil. Es ist ein Zeichen besonders guter Regulation. Um seine Kerntemperatur zu halten, setzt mein Körper nämlich die Durchblutung in den äußeren Regionen aktiv herab. Natürlich nur zum Wohle des Gesamt-Organismus‘, denn die Maßnahme dient dem Schutz der wichtigen Organe. Im Gegensatz zu den Organen können meine Gliedmaßen es ab, wenn ihnen der Wärme-Saft etwas abgedreht wird. Solange das Gewebe nicht buchstäblich einfriert, übersteht die Peripherie des Körpers tiefere Temperaturen nämlich ziemlich unbeschadet.

Auch bei Männern funktioniert dieser Spar-Modus des Körpers wunderbar. Allerdings ist er seltener gefragt. Dafür sorgt die im Schnitt höhere Muskelmasse der Männer. Muskeln sind einfach wie kleine Öfen im Körper, die auch bei heruntergesetzter Durchblutung, die Peripherie warm halten. Dass seine Hände schneller wieder warm werden, ist also ein reiner Nebeneffekt  der im Durchschnitt höheren Körperkraft der Männer.

Aber erzähle ich meinem Liebsten das alles? Nein. Natürlich nicht. Die Klugscheißerin in mir muss in diesen Momenten schweigen. Und das aus drei wichtigen Gründen:

Erstens habe ich ja des öfteren andere Gelegenheiten, es meinem Gatten in Form von „Ihr Männer seid schon lustig“-Bemerkungen heimzuzahlen.

Zweitens sind innere Besserwisser meist humorbefreite Nerds à la Sheldon (Erklärung für die, die gerade „Hä?“ denken: Das ist der schrulligste aller Nerds aus der US-amerikanischen Serie „Die Big Bang Theorie“).

Und drittens bin ich  – nun ja – zum Zwecke des Wieder-Aufwärmens meiner kühlen Hände und Füße doch ständig auf ihn angewiesen – und auf sein liebevolles Wohlwollen.

Also lasse ich seine Neckereien unbeantwortet, gebe ihm einen Kuss und schiebe lächelnd meine Eisklumpen-Hände in seine warme Hals-Beuge. Auch eine Dame genießt eben zuweilen und schweigt.

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