Mit Kresse-Eiern gegen Strahlen-Angst

Dieser Text erschien zuerst auf den Nachrichtenseiten von web.de und gmx.

Kresse6„Mikrowellen-Wasser tötet Pflanzen“ behauptete neulich ein Link, der durch meinen Teil des Sozialen Netzes geisterte. Mein großer Sohn (9) spitzte die Ohren, als ich davon erzählte. Er interessiert sich nämlich gerade sehr für alles Gefährliche. Dass unser eigenes kleines Experiment die Panik-Nachricht nicht bestätigte, enttäuschte ihn dann fast etwas: „Pah, von wegen gefährlich.“

Ich will ehrlich sein. Die Behauptung, Wasser würde sich durch Mikrowellen-Strahlung irgendwie molekular verändern und dadurch schädlich für Pflanzen werden, löste bei mir als Biologin keine Ängste aus, sondern große Skepsis. Ein Blick in den Text ließ die noch größer werden: keine Namen, keine Veröffentlichungen, sondern nur Bilder eines angeblichen Schüler-Experiments verbunden mit immer wilderen Aussagen dazu, wie gefährlich es auch für uns Menschen sei, unser Essen in der Mikrowelle aufzuwärmen.

Normalerweise hätte ich das Browser-Fenster kopfschüttelnd geschlossen. Die alarmistische Sprache, innere Widersprüche im Text, die Links zu allerhand Verschwörungstheorien drumherum… für mich alles Zeichen dafür, dass hier nicht informiert oder krititsch hinterfragt wird, sondern dass gezielt Ängste von Leuten bedient werden. Auch so lässt sich nämlich wunderbar Geld verdienen.

(Weil ich das für unseriös halte und nicht noch unterstützen wil, setze ich hier keinen Link zu der Seite.)

Wie für solche Geschichten üblich, streuen sie sich quasi von selbst. Aufgrund der weitverbreiteten Furcht vor Strahlen aller Art, fallen die Aussagen bei soo vielen Menschen auf fruchtbaren Boden, dass der Link schnell und effektiv über Facebook und Twitter an Freunde und Follower weiterverbreitet wird: „Das MÜSST ihr euch ansehen!“

Nun ist es schwer jemandem seine Ängste ausreden zu wollen. So schwer, dass ich das meist gar nicht mehr versuche. Man lernt ja aus seinen Misserfolgen. Ganz unmöglich wird dieses Unterfangen nämlich, wenn sich die Ängste von Leuten mit einem Misstrauen gegenüber der etablierten Wissenschaft oder gegenüber Regierungsstellen verbindet. Wer davon ausgeht, dass offizielle Organe automatisch die „echte Wahrheit“ unterdrücken und verschleiern, für den ist manchmal keine Instanz, die ich anführe, mehr glaubwürdig genug, um pseudowissenschaftliche Annahmen zu entkräften. Da kann man sich auf den Kopf stellen.

Das Schöne und Besondere an dieser Geschichte hier ist aber, dass wirklich jeder, der eine Mikrowelle zu Hause hat, zumindest eine der Aussagen ganz leicht selbst überprüfen kann: Schadet es Pflanzen wirklich, wenn sie mit Wasser gegossen werden, das in der Mikrowelle erwärmt wurde?

Mein Sohn und ich haben das mal mit Sachen, die wir zu Hause hatten, ausprobiert und uns einen ähnlichen Versuch aufgebaut wie den, dessen angebliche Ergebnisse im Netz kursieren. Der ursprüngliche Bericht geht so: Eine Schülerin habe zwei Pflanzen für einige Zeit unterschiedlich gegossen hat. Auf den Bildern ist dann zu sehen, wie diejenige der Pflanzen, die das Wasser aus der Mikrowelle bekommen hat, sich weniger gut entwickelt als die Andere und schließlich sogar eingeht.

Unser Versuch ging so: Wir nahmen zwei Teller mit Watte und Kresse-Samen. Die Watte des einen Tellers befeuchteten wir mit Wasser, das im Wasserkocher heiß gemacht worden war. Die des anderen Tellers mit Wasser aus der Mikrowelle (beides natürlich abgekühlt). Ergebnis: die Kresse wuchs auf beiden Tellern gleich gut. Wir konnten keinerlei Effekt der unterschiedlichen Behandlungsarten feststellen.

Empörter Kommentar meines Sohnes nach einer Woche: „Die Geschichte war ja gelogen, Mama!“ – „Ja“, antwortete ich „in dem Fall glaube ich das auch. Aber manchmal sind Ergebnisse auch falsch, weil sich jemand geirrt hat oder Fehler bei einem Experiment gemacht hat. Vielleicht gab es mal so ein Versuch und die Schülerin hat aus Versehen das Mikrowellen-Wasser noch heiß in die Erde geschüttet. Dann stirbt die vielleicht auch. Das könnte man auch mal überprüfen.“

Aber für’s erste war die Experimentierlust meines Sohnes verflogen. Nach dieser Enttäuschung zog es ihn erstmal wieder zur Schilderung echter Gefahren und deren mögliche Abwehr. Er kuschelte sich auf’s Sofa und vertiefte sich in seine momentane Lieblingslektüre – „Die hundert gefährlichsten Dinge der Welt“.

Kresse1
Tag 1 – Versuchsbeginn: Watte, Kresse-Samen und für jedes Wasser einen Teller
Kresse2
Tag 2 – Die Kresse-Samen fangen an zu keimen. Auf dem anderen Teller sieht’s genauso aus.
Kresse3
Tag 3 – Auf beiden Tellern werden jetzt Wurzeln und Blätter sichtbar.
Kresse5

Tag 7 – Guten Appetit! Es gibt mit Kresse-Creme gefüllte Eier. Nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich kann ich keinen Unterschied zwischen der Kresse auf beiden Tellern feststellen.

Übrigens heißt das nicht, dass Mikrowellen ungefährlich sind. Zwar bewirken sie keine der ominösen indirekten Strahlen-Effekte, die ihnen angedichtet werden, sondern wirklich „nur“ eine Temperatur-Erhöhung. Diese kann uns Menschen aber durchaus gefährlich werden. Wenn etwa bei einem Gerät die Tür beschädigt ist und Mikrowellen austreten, dann tun sie im Inneren unseres Körper nämlich das, was sie sonst nur mit unserem Essen tun: sie erhitzen das Gewebe. Besonders gefährdet ist dabei das Augeninnere, was sogar zu Erblindung führen kann. Aaalso, wenn man vor irgendwas in Zusammenhang mit Mikrowellen warnen möchte, dann doch bitte davor: Finger weg von Geräten mit defektem Gehäuse!

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