Hilfe, mein Kind isst nur nackte Nudeln!

Dies ist ein Plädoyer für Gelassenheit und Vertrauen. Wenn ich meinem eigenen Selbst von vor 8 Jahren ein paar Tipps geben könnte, dann würde ich dieser perfektionistischen Frischmutter eines Kleinkindes, die ich damals war, so Sachen sagen wie: „Locker bleiben! Das ist nur ein Phase!“ oder „Probier einfach aus, womit sich alle Beteiligten am wohlsten fühlen“. Gerade beim Thema Essen, werde ich zunehmend entspannter. Aber das war nicht immer so.

Spulen wir 8 Jahre zurück. Ich führte gerade beim ersten Kind die berühmte Beikost ein. Natürlich nach Lehrbuch. Alles aus dem Bioladen. Selbstgekocht und portioniert tiefgefroren. Weil ich ALLES richtig machen wollte. Und weil ich fand, dass alle Gläschen mit Fleisch drin riechen wie Chappi. Ich flippte sogar einmal aus, weil Verwandte dem Krabbelkind von ihrem Leberwurstbrot abgegeben hatten. „Leberwurst ist überhaupt noch nicht DRAN! Wie könnt‘ ihr nur!“ Als hätten sie den armen Jungen versucht zu vergiften.

Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich plädiere hier nicht dafür, von Muttermilch direkt auf Leberwurst umzustellen. Und wahrscheinlich würde ich – hätte ich noch mal ein Baby – wieder Breichen kochen. ABER ich würde definitiv nicht mehr so überreagieren, wenn mal was vom empfohlenen Ernährungsplan abweicht. Und das nicht, weil man keinen Plan haben sollte. Das sollte man. Aber bitte keinen in Stein gehauenen.

Wenn man nämlich sogar mit der Verwandtschaft ein Problem hat bei Planabweichungen, dann wird man – wie ich jetzt weiß – erst recht mit den Kindern selbst aneinandergeraten, wenn sie sich dem widersetzen, was man als Gesundheitsdogma aufgestellt hat. Denn auch wenn man es mit hingebungsvollem Alles-Richtig-Machen schafft, dass alles nach Plan läuft bis das Kind anderthalb ist, fängt es trotzdem spätestens im Trotzalter an, eine eigene Meinung davon zu haben, was es essen will. Und noch mehr davon, was es auf keinen Fall essen will.

Wie ich gerade in Kinder verstehen von Renz-Polster*gelesen habe, geht die diesbezügliche Forschung davon aus, dass dahinter sogar eine evolutionäre Anpassung steckt. In der Trotzphase ist das Kind nicht nur mobiler, sondern traut sich auch weiter von seiner Bezugspersonen weg. Dort sieht aber vielleicht auch niemand, was es in den Mund steckt. Das kann gefährlich werden. Vor so entstehenden Vergiftungen sind jedoch die sicher, die alles, was unbekannt schmeckt, gleich wieder ausspucken oder noch besser die, die in dieser Zeit eh nur Bekanntes essen, weil sie sich vor neuem Essen ekeln.

Hätte ich das vor 8 Jahren gelesen, wäre ich vielleicht schneller zu meiner jetzigen Meinung gekommen. So aber musste ich meine eigenen Erfahrungen machen. Etwas die, dass man das Alles-Richtig-Machen-Wollen auch übertreiben kann. Es gibt sogar einen totsicheren Indikator, wann eine meiner guten Absichten zu etwas Schlechtem wird: die Stimmung aller Beteiligten. Wenn die nachhaltig negativ wird, obwohl doch das Ziel so hehr ist, dann stimmt erstens etwas nicht und zweitens sinkt auch noch die Wahrscheinlichkeit das übergeordnete Erziehungsziel zu erreichen. Und zwar dramatisch.

Wenn die Stimmung am Tisch von ständigem Streit überschattet wird darüber, was einer isst oder nicht isst, dann schadet die „Gesunde Ernährung“-Nummer mehr als das sie nützt. Das heißt nicht, dass alle machen dürfen, was sie wollen. Regeln gibt es natürlich trotzdem. Wie: Keine Snacks oder gar Süßigkeiten vor dem Essen. Der Hunger wird an Herzhaftem gestillt. usw. Aber wir lassen langsam locker, wenn es darum geht, was die Kinder mögen oder nicht mögen. Das ist gar nicht so leicht. Schon aus Gewohnheit.

Denn jahrelang haben wir versucht das Kind Nr. 1 davon zu überzeugen, dass man Kartoffeln auch gekocht verzehren kann, nicht nur gebacken oder frittiert. Vergeblich. Überhaupt Nachschattengewächse! Tomaten finden höchstens als Ketchup oder in Pizza-Soße den Weg auf seinen Teller, roh oder als Nudelsoße gehen sie gar nicht. Bei Paprika ist es andersrum. Die mag er ausschließlich roh. Was haben wir gesäuselt und geschimpft haben, überzeugt davon, dass sich dieses Gemäkel schon geben wird, wenn wir hartnäckig fordern, „er solle wenigstens probieren“.

Das Gemäkel blieb Und die Stimmung litt.

Das andere Kind verzieht dagegen bei Anderem das Gesicht. Riecht er fremdländische Gewürze wie Kreuzkümmel, hält er sich entsetzt die Nase zu. Vor Tintenfisch ekelt er sich. Muscheln oder Krabben? Igitt! Allein, wie das aussieht! Und wenn mal was unerwartet schmeckt bei dem, was er schon im Mund hat, muss er würgen und es schnell ausspucken rennen. Auch da versuchten wir immer wieder „Normalität“ anzumahnen. Mal mit Engelszungen, mal genervt.

Was hat es gebracht? Nichts!

Gewinnbringender war für mich ein grundsätzlicher Perspektivwechsel an der Essensfront. Seit ich dazu übergegangen bin, die Vorlieben und Abneigungen der Kinder weitgehend als gegeben zu betrachten und versuche sie als individuelle Eigenheiten zu respektieren, geht alles viel einfach. Das Ziel heißt immer noch gesunde Ernährung, aber ich konzentriere mich eben auf das, was funktioniert. Und was soll ich sagen? Es ist so eine Erleichterung!

Die positivsten Effekte sind dabei die in meiner eigenen Wahrnehmung. Denn seit ich nicht mehr versuche, die Jungs von dem zu überzeugen, was sie eigentlich nicht wollen, fällt mir überhaupt erst auf, was sie alles mögen! Gut, Zucchini mögen sie beide nicht und pulen die aus der Reis-Pfanne raus. Aber bei allem Anderen mag es zumindest einer von beiden. Und das ist doch schon mal was.

So liebt der Kartoffelverächter die asiatische Küche. Nicht nur gebratene Nudeln, auch Reisgerichte bis zum Curry kann ich ihm jederzeit vorsetzen. Meeresfrüchte isst er ebenfalls mit Genuss. Tintenfisch und Shrimps findet er – wie ich – super lecker. Sogar Muscheln, die ich mit wenig Freude esse, mag er.

Sohn Nr. 2 würde es bei diesem Menü schütteln. Aber er liiiebt die Hausmannskost (vor der es dem Ersten graust). Mit ihm kann ich so herrlich norddeutsch schlemmen: gekochte Kartoffeln mit gekochtem Gemüse und gekochtem Schinken, mit einem Klacks Butter drüber und Petersilie. Lecker! Und Tomate-Mozzarella schaufelt er geradezu in sich rein – misstrauisch beäugt von Sohn Nr. 1., dem Tomaten-Hasser.

Mir fällt seit diesem Perspektivwechsel auch auf, wie viele Gerichte es eigentlich gibt, die uns allen schmecken. Buchstabensuppe etwa, oder Gemüsesuppe mit Würstchen drin. Reispfanne – ohne exotische Gewürze, aber gerne mit Zwiebeln und Karotten, mit Brokkoli und Erbsen. Auch Schinkennudeln oder Nudeln mit Lachs-, Käse- oder Pilz-Sahnesoße essen wir alle. Dann die Backofenkartoffeln. Mit Hähnchenschenkeln etwa oder panierten Schnitzeln. Rohe Paprika und Gurken werden geknabber und Krautsalat geht inzwischen auch. Klöße mit Soße kommen allgemein gut an, ob mit Braten oder Rouladen. Melonen und Äpfel futtern wir alle. Pizza sowieso. Und Mehl+Eier-Speisen wie Pfannkuchen natürlich auch.

Was macht es da schon, dass nur der Kleine Erdbeeren ist und der Große sie vom Kuchen runter schiebt? Oder dass nur der Große mit uns Kirschen isst, schmatzend und mit Kernen spuckend, während der Kleine die Nase rümpft und sich wundert, wie man so was mögen kann.

Ist doch egal, dass die Lieblingskuchen der Jungs dem jeweils Anderen nicht schmecken (Schokokuchen auf der einen, Käsekuchen auf der anderen Seite)? Dass meine selbstgemachte Remoulade mit Kapern und Estragon nur Sohn Nr. 1 ganz vorzüglich mundet. Dafür teilt Sohn Nr. 2 meine Vorliebe für Rote Beete aus dem Glas.

Das alles als normal zu akzeptieren, muss NICHT heißen, dass man für jeden extra kocht, wie manche bei so viel Toleranz mutmaßen. Wir machen jetzt meistens einfach das, was allen schmeckt. Zwischendurch gibt’s aber immer mal etwas, was nur einem der Jungs schmeckt. Der Andere findet dann schon was. Isst halt nur einen Teil mit oder stattdessen ein belegtes Brot.

Manchmal mache ich aber schon auch zwei Beilagen, damit jeder was hat, was ihm schmeckt. Wenn ich zum Grillen Bohnensalat mache, essen’s beide. Aber wenn ich Zeit und Lust hab, dann mache ich auch mal zwei. Einen Kartoffelsalat, bei dem der eine zuschlägt, und ’nen Couscous-Salat, den der andere mitisst. Wir Erwachsene essen je eh‘ beides.

Auch beim Brot bin ich pragmatisch geworden. Vollkorn- oder Körnerbrot kaufe ich, wenn überhaupt, dann nur für mich. Bei Mischbrot kann ich ein wenig mehr einplanen, da isst der Große mit. Das Parisienne, ein Fast-Weißbrot mit geringem Roggenanteil mögen wir dagegen alle. Und Toast und Knäckebrot ist immer da, falls das andere Brot alle ist.

Meine Erkenntnisse der letzten Jahren laufen also zusammengefasst auf Gelassenheit raus. Auf einen freundlichen, respektvollen Umgang mit Vorlieben und Abneigungen. Und das bekommt dem Familienklima sehr gut.

Könnte ich meinem jüngeren Mutter-Selbst von vor 8 Jahren ein paar Sätze zukommen lassen, würde ich daher rufen: Wichtiger als Regeln und Theorie ist immer die Freude am Essen! Konzentrier dich auf Gerichte, wo Gesundes, Frisches, Leckeres mit Genuss gegessen wird! Es gibt immer irgendwas, was sie mögen und was auch gesundheitsmäßig ok ist. Immer! Selbst wenn es mal ein halbes Jahr lang nur Apfelschnitze, Butterbrot und Rührei ist. Davon wird man auch groß!

* mit dem Sternchen kennzeichne ich Partner-Links im Text (mehr dazu im Werbe-Disclaimer)

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