Schmerz on, Schmerz off

Gestern war der Frühjahrsputz dran. Allerdings nicht der für die Wohnung, sondern der für die Zähne. Professionellen Zahnreinigung. Wirklich nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Aber überraschenderweise fand ich das Ganze gestern sogar interessant und das, gerade WEIL es unangenehm war. Keine Sorge, ich bin nicht plötzlich masochistisch geworden, im Gegenteil, ich habe versucht die Wahrnehmung meiner Schmerzen zu verändern. Es war faszinierend, bewusst zu merken, wie ich den Schmerz hoch- und runterfahren kann je nach Fokus der Aufmerksamkeit.

Obwohl ich vorher und nachher mit Zahnärztin und Assistentinnen plaudere und scherze, bin ich dann doch immer angespannt, wenn ich auf dem Zahnarztstuhl liege. Ich sage zwar, dass alles in Ordnung ist, fühle mich aber zum Aufspringen und Tschüss-Rufen. Ich weiß vor allem schon, dass es innen an den unteren Schneidezähnen am fiesesten wird. Eklig ist das, wenn der Ultraschall da mit diesem hartnäckigen Zahnstein kämpft, der an  empfindlichen Zahnhälsen klebt. Das geht mir immer durch und durch.

Ablenkung durch Tagträume vs. Achtsamkeitsübungen

Was ich von den Malen davor weiß: es hilft, an was Schönes zu denken. An der Decke über dem Behandlungsstuhl hängt ein Bild mit Strandkorb und Möwen, also träume ich mich an den Strand. Ich stell mir den warmen Sand vor zwischen den Zehen, wie ich im seichten Wasser Frisbee spiele und die Kinder lachen usw. Das klappt ganz gut. Jedenfalls „warte“ ich nicht mehr so auf das nächste Schmerz-Ziepen.

Diesmal habe ich aber auch die Wirkung von Meditations- bzw. Achtsamkeitsübungen ausprobiert. Habe mich etwa aufs Liegen konzentriert. Oder beobachtet, wie mein Atem fließt. Das reduziert die Schmerzwahrnehmung sogar noch deutlicher als die angenehmen Tagträume. Vor allem hat mich beeindruckt, dass ich den Prozess der Runterregulierung des Schmerzes viel bewuster mitkriege.

Vorher  *schmerz on*: Muskeln im Rumpf sind angespannt, ich zucke ständig ein bisschen, weil mir immer wieder so ein kleiner Schmerzblitz in den gerade behandelten Zahn fährt. Wenn der Schmerz ein Ton wäre, wäre er ganz laut und direkt neben meinem Ohr.

Danach *schmerz off*: meine Muskeln sind entspannt, der Fokus meiner Aufmerksamkeit wandert durch andere Körperteile. Ich bekomme wie aus dem Augenwinkel mit, was im Mund so los ist, aber es berührt mich nicht so. Der Schmerz ist jetzt wie ein windverwehtes Rufen aus der Ferne.

Ganz schön faszinierend. Ich schreibe meine neue Entdeckung jetzt mal meinem Selbstwahrnehmung-Programm zu. Habe mich im letzten Jahr nämlich intensiver mit so Sachen wie Achtsamkeits-Meditationen beschäftigt, mit Feldenkrais und Autogenem Training, um mal was anderes für meine chronisch verspannte Muskeln auszuprobieren. Meinen Lieblingsschmerzpunkten tut das auch sehr gut. Dass aber dieses Selbstwahrnehmungstraining nun auch hilft beim experimentellen Schmerz-An-und-Aus-Schalten auf dem Zahnarztstuhl, war eine neue Entdeckung.

Effekt von Meditation auf Schmerzen

Natürlich hab ich gleich versucht in Pubmed Forschung dazu zu finden, wie Meditation die Schmerzwahrnehmung verändert. Was da genau passiert. Und ich fand: riiiesig viel. Ja, ein gigantischer Berg von Papern wird zu dem Thema gerade produziert. Selbst wenn ich nur die neuesten Veröffentlichungen zu der Beeinflussbarkeit von Schmerzen durch Achtsamkeitsmeditation überfliegen will, ertrinke ich schier in einer Flut von Studien … aber mal sehen, was ich rausfische…  😉

Stunden später… Aaalso… in vielen Studien wird der Effekt von Meditationserfahrung auf die Schmerzwahrnehmung nachgewiesen. Sie macht weniger schmerzempfindlich. Meditation macht Schmerz erträglicher, verringert damit verbundene Angstgefühle, hebt trotz chronischem Schmerz die Stimmung usw. Da können Entspannungsverfahren oder die Ablenkung durch Mathe-Aufgaben nicht mithalten. Die Mechanismen dahinter sind noch relativ ungeklärt, auch wenn aus EEG-Studien die Modulation der Alphawellen im Verdacht stehen die veränderte Schmerzwahrnehmung zu verusachen und sich in der Röhre auch ein paar Hirnregionen herauszukristallisieren scheinen, die damit zusammenhängen.

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