Placebo-Effekt – ein Streitgespräch

  • WAS? Du glaubst, jemand der ECHT krank ist, kann allein durch die ERWARTUNG von Heilung gesund werden? Wie soll DAS denn gehen? Das ist ungefähr so absurd, wie zu glauben, dass ein Regentanz wirklich funktioniert!
  • Grrrh. Nein, das ist real und nennt sich Placebo-Effekt! Und der ist überhaupt nicht absurd. Erwartung und Heilung finden doch in ein und dem selben Körper statt! Warum soll eine Hoffnung in deinem Kopf nicht molekular in deinem Körper wirksam sein? Neuronal, hormonell?
  • NÄ, jetzt echt! Für Placebos braucht man Einbildung und Glauben. Das würde bei mir nicht wirken, weil ich nur ECHTE Krankheiten habe.
  • Das hat mit Einbildung nichts zu tun. In klinischen Studien tritt das doch auch auf und da werden die Leute zufällig den Gruppen zugeteilt.
  • Ja, aber der Placebo-Effekt in klinischen Studien beruht doch darauf, dass damit nur DER Prozentsatz an Leuten „geheilt“ wird, die sich die Krankheit eh nur eingebildet haben.

  • WAS? Wie kommst du denn darauf? Es gibt inzwischen so viele Studien, die zeigen, dass das Drumherum von Therapien eine Wirkung hat. Und zwar auf alle Leute, nicht nur auf Hypochonder! Auch bei Versuchen an Gesunden kannst du das sehen!
  • Aber was soll der Hokus-Pokus? Ich will ECHTE Medizin. Medizin, die AUCH wirkt, wenn sie mir im Schlaf oder Koma verabreicht würde.
  • Aber es ist doch gerade der Clou, dass der Placebo-Effekt dort auch beteiligt ist. Auch echte Medizin wirkt erheblich besser, wenn sie dir gegeben wird, wenn du bei Bewusstsein bist und dir ankündigt wird, dass du jetzt was bekommst, was dir hilft!
  • Das ist doch Quatsch. Entweder es dockt an den Rezeptor an oder nicht. Ich kann doch nicht WILLENTLICH steuern, was in meinem Körper molekular passiert!
  • Das ist keine bewusste Entscheidung, das läuft unter der Oberfläche ab. Deine Vorerfahrungen, dein Verhältnis zum Arzt, ob du dich gut aufgehoben fühlst – all das beeinflusst, wie dein Körper reagiert. Das ist nichts, wozu du dich bewusst entscheidest, es ist mehr was, was deine automatisierte, gefühlsmäßige Bewertung der Welt verursacht.
  • Tut mir leid, das glaube ich einfach nicht. Und Studien, die zeigen, dass es den Effekt GIBT, das reicht mir nicht. Solange du mir nicht die MECHANISMEN zeigst, nach denen so was funktionieren soll, halte ich das für Hokus-Pokus. Ehrlich!
  • Auch diese Forschung gibt es. Du kannst den Placebo-Effekt sogar in Tierexperimenten untersuchen! Das ist viel weniger Hokus-Pokus als du denkst. Das erkennen auch die Ärzte und es wird immer lauter diskutiert, wie der Effekt in der Praxis genutzt werden kann. Denn das Verhalten des Arztes ist der größte Faktor dabei.
  • Ich will nur, dass ein Arzt sich auskennt. Dass der weiß, was er tut. Dass er kompetent ist. Ich brauch keinen Psycho-Kuschel-Arzt.
  • Nö, darum geht’s auch nicht. Aber er soll dir doch auch zuhören, dich ernst nehmen, oder? Einer der kalt und verächtlich ist, der steht der Heilung eher im Weg. Das wär bei dir auch so. Es lässt sich experimentell nachweisen, dass ein unfreundlicher Arzt, der blöde Sprüche macht, die Wirkung einer sonst wirksamen Behandlung verhindern kann. Das ist der Nocebo-Effekt. Das ist sozusagen der böse Bruder des Placebo-Effekts.

Leseempfehlungen:

Nachdem die Placebo-Forschung jahrzehntelang ein akademischen Nischenthema war, kommen ihre Erkenntnisse nun zunehmend bei den Ärzten an. Sehr umfangreich und lesenswert ist die Stellungnahme des Beirats der Ärztekammer „Placebo in der Medizin – Mehr als nur Einbildung“ von 2011

Weitere Literatur dazu und Zitate von aktuell bis ein paar Jahre zurück:

(…) Wir wissen recht wenig darüber, welche Menschen besonders profitieren oder nicht. Früher gab es die Vermutung, dass Frauen beeinflussbarer sind als Männer. Das hat sich nicht bestätigt. Vermutlich können alle Menschen Placeboeffekte entwickeln. Bedingung: Das Gehirn muss funktionieren, hier vor allem das Frontalhirn und der gesamte Kortex. Wenn bei bestimmten Erkrankungen die Verbindung zwischen Hirnrinde und Hirnstamm gestört ist, dann entwickeln Menschen keinen Placeboeffekt mehr. (…) – Der Marburger Psychologie-Professor Winfried Rief zur Frage, welche Menschen besonders auf Placebos ansprechen, in  Wie Placebos und Nocebos wirken – Interview der Darmstädter Zeitung Echo vom 20. März 2013

(…)In der klinischen Praxis hingegen stellen Placeboeffekte wünschenswerte Unterstützung medizinisch-therapeutischer Maßnahmen dar, die es zum Nutzen der Patienten zu maximieren gilt. Dazu könnte auch die Möglichkeit gehören, bei chronischer, dauerhafter Medikamenteneinnahme einen Teil der Tabletten durch Placebos zu ersetzen (im Sinne eines unregelmäßigen Wechsels zwischen Medikament und Placebo), um Nebenwirkungen zu reduzieren ohne die Hauptwirkung zu verlieren.(…) aus der Pressemitteilung zu einer Veröffentlichung in Nature Reviews Drug Discovery, März 2013

(…) Ethische Implikationen und Dilemma des Aufklärungsgesprächs: Ärzte sind einerseits verpflichtet, den Patienten über eine Behandlung und ihre möglichen Nebenwirkungen zu informieren, damit er eine informierte Entscheidung über medizinische Behandlungsoptionen treffen kann. Andererseits obliegt es dem Arzt, die Risiken eines medizinischen Eingriffs für den Patienten zu minimieren, inklusive der Risiken einer Aufklärung. Die referierten Studien zeigen jedoch, dass Noceboantworten durch ein Aufklärungsgespräch induziert werden können.(…) aus: Nocebophänomene in der Medizin: Bedeutung im klinischen Alltag,  Ärzteblatt, März 2012

(…) So erging es einem 26-jährigen Amerikaner, der sich mit einer Packung Antidepressiva umbringen wollte. Er überlebt, musste jedoch auf der Intensivstation behandelt werden, sagt Gustav Dobos. „Und es stellte sich heraus, dass dieser Mensch an einer placebokontrollierten Studie teilgenommen hat und hatte einfach die ganze Studienmedikation auf einmal geschluckt. Später stellte sich raus, dass er zur Placebogruppe gehörte. Er wurde darüber informiert, dass er in der Placebogruppe war, und hat sich wieder erholt. 06.02.2011, Deutschlandradio Placebo – ein Nichts mit großer Wirkung

(…) Wirkungsmechanismen: Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Forschung ist, dass Placebo- und Verumeffekt hirnphysiologisch und -anatomisch lokalisierbar sind. Der Placeboeffekt ist damit nicht auf ein bloßes Epiphänomen reduzierbar. Da der Placeboeffekt nachgewiesenermaßen eine somatische bzw. (neuro-)biologische Basis hat, rückt somit die Frage seiner therapeutischen Relevanz mehr und mehr in den Mittelpunkt. Zahlreiche Metaanalysen zeigen, dass der Placeboeffekt für viele klinische Bilder therapeutisch relevant ist, für den einzelnen Patienten vorhersagbar ist er aber (noch) nicht. (…) aus der Vorankündigung 2010 zur baldigen Veröffentlichung der Bundesärztekammer

(…) Diese Art der Placebowirkung sollte von ihrem negativen Beigeschmack befreit werden, weil sie doch sehr häufig dem Patienten hilft. Außerdem ist für den bewussten Einsatz der „Droge Arzt“ nur ein geringer zusätzlicher Zeitaufwand erforderlich, der durch den vermehrten Nutzen mehr als gerechtfertigt wäre.(…) aus dem Ärzteblatt-Artikel Placebo: Missverständnisse und Vorurteile von 2009

(…)In einer anderen Studie haben Ärzte schwangeren Frauen weisgemacht, sie erhielten ein Mittel, das ihre Übelkeit unterdrücken sollte. Die Wirkung war fabelhaft: Die meisten Frauen fühlten sich deutlich besser; ihr Magen beruhigte sich. Was die Frauen nicht wussten: In Wahrheit hatten sie Brechmittel erhalten; der durch ihre Erwartungshaltung ausgelöste Placebo-Effekt jedoch hatte die pharmakologische Wirkung in ihr Gegenteil verkehrt!(…) aus dem Artikel Wundermittel im Kopf von Jörg Blech, im Spiegel-Special „Gesund und Glücklich“ von 2007

Ähnliche Artikel:

3 Gedanken zu „Placebo-Effekt – ein Streitgespräch“

  1. Das sollten viele Leute mal lesen. Der ganze Homöopathie-Schnickschnack gefällt mir ja auch so gar nicht und wiederspricht meinem naturwissenschaftlichen Wesen extrem, aber als ein Bekannter seiner Freundin neulich ihre (wunderbar durch Placebo wirkenden!) Medikamente ausreden wollte, musste ich ihn schon darauf hinweisen, dass er ihr da einen günstigen, wirklich existierenden Effekt kaputt macht, wenn er Erfolg hat.

    1. Ja, mir geht es genauso mit der Homöopathie. Ist zwar eine Placebo-Medizin, aber eine sehr wirkungsvolle. Die haben eben das Drumherum perfektioniert. Für mich ist’s zwar nichts, weil ich doch gerne Verum-Wirkung + Placebo-Effekt hab, aber wenn Freundinnen von mir auf Kügelchen schwören, kann ich damit gut leben. Sie berichten ja auch von besonders guten Vertrauensverhältnissen zu ihren Ärztinnen. Davon wird am meisten geschwärmt, scheint mir. Eine von ihnen meinte auch mal: Ist mir doch egal, wenn’s ein Placebo ist. Hauptsache, es wirkt!… 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.