Die Netzhaut der Klone

Vor ein paar Tagen lief „Die Insel“ im Fernsehen und bot Gelegenheit für Fragen wie „Ok, spannend, aber – wie ist das eigentlich in Wirklichkeit?“.

Der SciFi-Actionfilm (2005) mit Ewan McGregor und Scarlett Johannson ist ein düsteres Zukunftsszenario, in dem isoliert von der Welt lebende Menschen entdecken, dass sie Klone sind – erschaffen als Organ-Ersatzteillager für Superreiche. Dahinter steckt eine Firma, die unter allen Umständen geheim halten will, dass ihre Klone mitnichten im Wachkoma liegen, wie sie der Öffentlichkeit weismachen wollen. Stattdessen wird den Klonen aufwändig vorgegaukelt, sie seien Überlebende einer globalen Katastrophe und würden kontaminiert, wenn sie die Anlage verließen.

Hier zwei Sachen, über die ich als Biologin stolperte:

Wie so oft, wenn Klone in SciFi auftreten, erscheinen sie als gleichalte Kopie des Original-Menschen. Im Film werden sie dafür innerhalb weniger Monate in künstlichen Fruchtblasen hochgezüchtet, praktischerweise direkt auf Erwachsenengröße. Für das Drehbuch ist diese Express-Entwicklung natürlich ergiebig, der Realitätscheck 1 zeigt aber: Im wirklichen Leben wachsen geklonte Lebewesen nicht schneller als andere.  Mit heutigem Kenntnisstand könnte ein böser Biologen-Schurke in seinem unterirdischen Labor also zwar Klone von erwachsenen Menschen erzeugen, aber diese Klone würden sich in Leihmüttern entwickeln müssen und in ganz normalem menschlichen Tempo. Heraus käme ein künstlich erzeugtes Zwillingsbaby, dass wesentlich jünger ist als der „Original“-Mensch, dem er genetisch gleicht.

Mein zweiter Stolperstein war folgender, dramaturgisch hoch wirksamer Moment: Als der aus seinem unterirdischen Gefängnis entflohene Klon zur Luxus-Villa des Menschen kommt, für den er als Ersatzteillager geschaffen wurde, springt – tada – die Haustür auf, geöffnet vom Signal eines Netzhaut-Scanners, der die Augen des Klons nicht vom „Original“ unterscheiden konnte. Realitätscheck 2: Tatsächlich können Netzhaut-Scanner natürlich vorkommende Klone unter uns Menschen (sprich: eineiige Zwillinge) sehr gut voneinander unterscheiden. Das individuelle Muster der Blutgefäße hinter der Netzhaut entwickelt sich nämlich – wie der Fingerabdruck – unabhängig von unserer DNA-Sequenz. Unser Erbgut bestimmt natürlich, DASS hinter der Netzhaut Adern liegen, schreibt aber nicht vor, WIE diese Adern genau verlaufen sollen. Die Gene geben den wachsenden Blutgefäße für ihre Entwicklung im Mutterleib nur die Fähigkeit, ihren eigenen Weg zu finden. Und weil es für die Wege so viele Möglichkeiten gibt, entsteht bei jedem Menschen ein hochspezifisches Muster. Gar nicht so deterministisch wie man denkt, diese DNA, oder?… 😉

Nun mecker‘ ich nicht, weil ich denke, Actionfilme sollten eher wie Dokus sein. Nein, ich mag SciFi-Filme ja gerade, weil sie so viel künstlerische Freiheitsgrade haben. Aber trotzdem fänd ich’s oft cool zu wissen, welche Teile eines Films authentisch sind. Bei den Bio-Themen kann ich das ungefähr einschätzen, aber sonst? Was entspricht dem Stand der anderen naturwissenschaftlichen Forschung? Aber auch: Welcher Teil eines Historiendramas beruht auf belegten historischen Fakten? Oder: Arbeitet diese oder jene Berufsgruppe wirklich so, wie im Film dargestellt?

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