Amsel-Immobilie

Gestern beim Mittagessen hab ich sie schon beobachtet wie sie sich an meinem Fahrradkorb zu schaffen machte. Flog hin und wieder weg, saß am Rand und äugte, hüpfte dann wieder rein und wurschtelte darin herum. Mir schwante was.

Und tatsächlich, als ich später zu meinem Rad kam, erwartete mich der vielversprechende Rohbau eines Amsel-Nestes. Ich zeigte es begeistert dem Nachbarsjungen, was ich sofort bereuen sollte als ich auf’s Fahrrad stieg. Denn sein vorwurfsvolles Gesicht begleitete mich auf dem Weg in den Kindergarten: „Warum lässt du ihr das nicht?“ Noch dazu wirbelte der Fahrtwind das liebevoll drapierte Ding in einem wirren Haufen aus trockenen Blättern, Halmen und Moos. Und ich fühlte mich schlecht. Einfach mit dem Nest einer werdenden Amsel-Mutter davonfahren. Also wirklich! Wie unsensibel!

Am Abend verarbeitete ich meine Schuldgefühle indem ich mir vorstellte, dass die Amsel schon längst ihren Makler angerufen und ihn zur Sau gemacht hat: „Von wegen Immobilie! Von immobil kann bei diesem Nistplatz keine Rede sein! Wenn Sie mir nicht bis morgen Ersatz besorgen, komme ich und lege meine Eier in Ihr Nest!“ Dann stellte ich mir ihre Liste an Forderungen vor: mitten im Leben, ganz nah zum nächsten Wurm, aber überdacht und geschützt vor Regen, Wind und Sonne. Ganz schön anspruchsvoll, die Gute. Das ist nicht so eine Feld-Wald-und-Wiesen-Amsel. Neihein! Meine Amsel ist eine urbane Luxus-Amsel!

Umso gerührter bin ich als ich heute morgen beim Frühstück sehe wie sie unbeirrt weiter baut in meinem Fahrradkorb. Dass er samt Nest zwischendurch verschwunden war, scheint sie nicht weiter zu stören. Aber was mach ich jetzt? Irgendwas muss passieren. Bevor da am Ende noch Eier drin liegen und ich mich endgültig genötigt fühlen würde, ihr mein Fahrrad für die nächsten Wochen zu überlassen, beschließe ich dem Amsel-Makler etwas unter die Flügel zu greifen und einen Ersatz-Nistplatz zu bauen. Unser Hausmeister lacht zwar, hat aber nichts dagegen, dass ich da was unter die Fahrradüberdachung montiere.

Also wenn sie das nicht liebt, weiß ich auch nicht. Schluss mit den Schuldgefühlen! Ich biete ihr schließlich meinen Fahrradkorb in einer Penthouse-Version, oder?

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2 Gedanken zu „Amsel-Immobilie“

  1. Und hat die Amsel den Umzug nun mitgemacht?

    Und eine kleine andere Vogelnestgeschichte: Bekannte hatten ein Zaunkönignest im Türkranz aus Zweigen an der Haustür. Als sie dies feststellten, stellten sie die Benutzung der Haupttür ein und verwendeten stattdessen die Terrassentür, die sich von außen aber nicht abschließen lies. Dies wurde ihnen zwar durch junge Zaunkönige gedankt, allerdings auch durch ein Ausrauben ihrer Wohnung… 😉

  2. Das ist ja eine heiße Geschichte! Was diese Spezies-übergreifende Empathie so mit einem macht… 😉

    Tja, meine Amsel… die hat sich wahrscheinlich doch ein ruhigeres Plätzchen gesucht. Sobald die Sonne scheint, wimmelt es in unserem Gemeinschaftsgarten nämlich vor kleinen, krakelenden Zweibeinern, die Laufrad fahren, Fussbälle rumschießen und das Nachbarschaftskaninchen füttern. Das ist zumindest meine Erklärung. An meinem sensationellen Penthouse-Nest kann’s ja wohl nicht gelegen haben, dass sie das Weite gesucht hat…

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